Was mich antreibt

Meine lieben Leser,

ach Gott, ich hoffe es langweilt euch nicht, dass dieser Blog sich seit vielen Beiträgen immer und immer wieder um die gleichen Themen dreht. Angefangen hatte ich ja mit einem Allerlei aus allem, was mich eben so beschäftigt hat. Mittlerweile erscheint mir aber so vieles ganz und gar nichtig, tausendfach besprochen und irgendwie immer im Zusammenhang mit dem großen Ganzen. Also warum nicht gleich dort anfangen? Erfahrungsgemäß kommen auch wieder andere Zeiten, aber nun müsst ihr da erstmal durch. Etwas selbstzerstörerisch finde ich, dass man sich gar nicht genug mit diesen Fragen auseinandersetzen kann. Ich weiß, dass das längst nicht alle so sehen. Aber mich hat die Lust förmlich gepackt.

Es ist die Lust am Leben, die Lust an mir und die Lust an anderen Menschen. Ich genieße nichts so sehr wie meine Gedanken schweifen zu lassen und die Zeit dafür zu haben all meinen Fragen gehörig auf den Grund zu gehen. Immernoch will ich es wissen. Ich will jemand werden, dem ich selbst gern begegnet wäre. Ich will kein Leben führen, sondern mein Leben sein. Ich will keinen Träumen oder Vorstellungen von mir und dem, was ich tun müsste nachjagen, sondern gewiss sein, dass ich zu jeder Zeit und an jedem Ort goldrichtig bin.

Ich möchte dieser Erfüllung, die ich empfinde, wenn ich euch schreibe, wenn mich ein Mensch versteht, wenn all meine Lieben um mich sind, immer und immer wieder begegnen, bis ich nichts anderes mehr kenne. Ich möchte dieses Gefühl vor mir hertragen und es auf alle Widrigkeiten des Lebens antworten lassen. Ich möchte meine eigene Erfüllung werden. Und ich glaube, ich kann es schaffen.

Ich habe den Anstoß zu all dem verstanden und ihm damit einen Sinn gegeben. Für jeden gibt es diesen Anstoß, da bin ich sicher. Kein Grund zur Verzweiflung, aber ein Grund zum Zweifel. Daran, was Glück bedeutet, daran, was dafür nötig ist. Nichts als der Wille, glaube ich.

Eure Cali

Der gesenkte Blick

Meine lieben Leser,

ich bin zur Zeit so nachdenklich wie schon lange nicht mehr. Eigentlich hieße das ja viel Stoff zum Posten, aber vieles ist so ungeordnet, so unaussprechlich, dass ich es lieber lasse.

Ich weiß gar nicht worüber ich brüte. Klar geht es um mich und um euch, aber genauer kann ich es nicht sagen. Darum beobachte ich einfach vieles und lasse mir etwas erzählen, warte auf Antworten. Ich fahre oft Zug und verfolge die vorbeiziehenden Landschaften, betrachte die Leute, die ein- und aussteigen. Wusstet ihr, dass beinahe niemand dabei hochsieht? Als ich selbst noch nicht hingesehen habe, dachte ich immer alle würden gucken.

Es ist schon ein komisches Phänomen, dass kaum Jemand sofern er allein unterwegs ist mit dem Blick geradeaus die Straße hinaufläuft, in der Bahn von der Zeitung oder dem Buch hochsieht. Mir kommt es vor als fürchteten wir die Begegnung, den Kontakt zum Anderen, zum Fremden, der einem direkt gegenüber sitzt und dessen Knie im Rhytmus der Gleise gegen unseres schlägt.

Mit Musik auf den Ohren und dem obligatorisch gesenkten Blick konnte ich es schaffen auf zwei Stunden Fahrt ganz allein gewesen zu sein. Und auch die Hunderten Fahrgäste, die um mich herum ihrer Wege gingen und fuhren, fühlten sich allein, manche sogar einsam, glaube ich.

Nun fahre ich seit einigen Tagen also erhobenen Hauptes mit dem Zug und sehe plötzlich all die gesenkten Blicke, die Frau, die Kaugummis von der Bahnsteigtreppe kratzt, den schiefen Krawattenknoten, die fehlenden Wimpern und die Krankheit unter dem Basecap, die rauen Hände vom Handwerk, die blauen Augen vom Papa. Es ist der Wahnsinn was ich in dieser kurzen Zeit alles gesehen habe, weil ich hingeguckt habe.

Ich fühle mich den Leuten näher, die im Fokus meines Blicks Menschen mit Geschichte werden. Es ist erstaunlich wie vertraut sie mir auf einmal sind, wenn sie sich unbeobachtet fühlen und nicht vollkommen affektiert um die Gunst ihres Gegenübers ringen. Und wenn dann doch mal jemand hochsieht, direkt in meine Augen, hoffe ich, dass auch ich ihm mehr bin als eine Pause während er die Seite wendet.

Habt einen schönen Abend und Feiertag,

Eure Cali