Muslim, Jude, Christ- es ist mir so egal was du bist

Ich will wissen wer du bist.

Meine lieben Leser,

der Islam gehört also mal wieder nicht zu Deutschland, findet Kauder. Egal in welchem Kontext seine Aussage steht, egal wie viel Mühe er sich bei ihrer Relativierung gibt, sie ist ein Rückschritt, sie macht einen Unterschied, sie spricht von Fremdheit. Es sind die Gedanken vieler.

Wie ich erst gestern schrieb fällt es schwer alte Verhaltens- und Denkmuster abzulegen. Wir haben sie aus Grund entwickelt. Beeinflusst durch Erfahrung und Nachahmung legen wir uns Sichtweisen zu, die uns das Gefühl von Sicherheit im Wirrwarr der Welt geben sollen. Sie machen die Dinge begreifbar, wir können uns auf ihrer Grundlage ordnen und fühlen uns im Klaren.

Selbst ich, jungsches Ding, was ich bin, höre noch in meiner Erinnerung Gesprächsfetzen. Der Kontext war selten positiv, meistens ging es um irgendwelche Kleinkriminalität im Bezirk oder um Geschichten, in denen Polen und Türken eben nicht als diese, sondern etwas abfällig als “Ausländer” bezeichnet wurden. Viele Leute in meinem Umfeld sprachen so, gewöhnlicher Mittelstand ohne rechtes Gedankengut. Ganz im Gegenteil-gewählt wurde Mitte-Links, Links.

Ich entwickelte daraus eine gewisse Skepsis gegenüber Menschen, die nicht meine Sprache sprachen oder durch ihr Äußeres als “anders” auffielen. Nie hätte ich sie ausgeschlossen, sie verachtet oder offen diskriminiert. Sowas kannte ich nicht, also tat ich es nicht, aber gedanklich bestand ein Vorurteil. Eben genau jene vorgefertigte latente Ablehnung entdecke ich bei sehr vielen Leuten noch heute. Und in Extremsituationen auch noch bei mir selbst. Wieso sollte ich dies nicht offen zugeben dürfen? Wie viele Vorurteile denken und verbreiten wir jeden Tag? Egal wen sie betreffen, sie sind schlimm und schleichen sich nur sehr langsam aus.

Und trotzdem, und das ist kein Widerspruch, weiß ich schon beim zweiten Gedanken, dass dieser Mensch dort drüben so viel mehr ist als das Offensichtliche. Unmöglich Rückschlüsse zu ziehen, die scheinbare Religionszugehörigkeit als starre Aussage zu erfassen, Kulturen auf Halbwahrheiten runterzubrechen. Religion ist, was ein jeder aus ihr macht. Eine Religion hat so viele Formen wie Anhänger. Kulturen sind dynamisch, flexibel, so vielfältig wie ihre Träger.

Statt uns also für unsere Vorurteile, unsere Erziehung zu schämen und uns besser zu machen als wir sind, sollten wir die Mängel unserer Gesellschaft erkennen, akzeptieren und angehen. Nur so ist Polemikern wie Sarrazin das Handwerk zu legen, die den Mut “die Wahrheit” zu sprechen für sich beanspruchen, um sie für ihre kleingeistigen Theorien zu missbrauchen. Her mit der Diagnose und dann ran an die Arbeit, damit eines Tages bereits der erste Gedanke heißt: Muslim, Jude, Christ- mir ist egal was du bist.

Herzlichst,

Eure Cali