Gibt es unpassende Zeitpunkte für ernste Themen?

Liebe Leser,

ich habe mich gefragt, ob es zu früh sein kann in einem Blog über ernste gesellschaftliche Themen zu schreiben. Ob es nicht langweilig ist die zigste Meinung über dieses und jenes zu lesen. Vermeintlich unfundiert, subjektiv und darum unbedeutend? Ich bin der Antwort auf den Fersen.

Egal wie, möchte ich hier einige Worte zu einer, seit etwa 22 Jahren aktuellen, politischen Thematik  loswerden.  Dies hier wird ein Kommentar und kein journalistisch aufbereiteter Text mit Links und Zitaten, denn ich bin keineswegs eine Expertin der Politik. Aber genau das muss ich auch nicht sein, denn Politik ist kein Ressort von Experten für Experten, sondern die Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens, und zwar von Menschen für Menschen. Und ich denke als solchen kann ich mich bezeichnen.

Ich bin angewidert von den trillionen Dokumentationen über die Stasi, die aktuelle Debatte über die Überwachung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz und die einseitige Berichterstattung über die DDR. Als Tochter und Enkelin von Menschen, die in der DDR einen großen Teil ihres Lebens verlebt haben, kann ich nur sagen, dass es ihnen und mir nicht geschadet hat. Es ist eine Frage des Respekts und zugleich eine Antwort auf die aktuelle Art der Machtverhältnisse und der Meinungsbildungsverfahren in Deutschland, wenn es als notwendig erachtet wird keine Gelegenheit auszulassen einen nicht mehr existenten Staat und mit ihm eine ganze Zeit immer und immer wieder zu degradieren und die Identität eines großen Teils der Bevölkerung mit Füßen zu treten. Hinter einem derartigen pathologischen Beißreflex scheint sich eine große Angst vor den Vorzügen des Lebens in der DDR zu verbergen, mit denen die Bundesrepublik nicht aufwarten kann und konnte.

Keinesfalls möchte ich mich hier heldenhaft vor die DDR werfen, in der ich selbst nur sehr kurze Zeit lebte =), und dem heutigen System eine Kampfansage machen. Niemals! Es hat seine Berechtigung, dass es die DDR nicht mehr gibt. Ich bin der Überzeugung, dass alles so kommt, wie es kommen soll. Doch es ist ein Trugschluss, dass die Verbrechen der Stasi erwähnenswerter sind, als jene jedes anderen Geheimdienstes. Alle sind sie zielorientiert bis hin zur Niederträchtigkeit. Es ist ein Trugschluss, dass das ostdeutsche Schnitzel aus Jagdwurst dem westdeutschen im Geschmack nachsteht. Es ist ein Trugschluss, dass das Leben in der DDR ausschließlich trist und trostlos war. Ich beneide meine Eltern um den Spirit ihrer Jugend. Und es ist ein Trugschluss, wenn man sagt, dass die DDR vor 22 Jahren untergegangen ist. In der Erinnerung so vieler Menschen ist sie putzmunter, erfreut sich bester Gesundheit aus guten und schlechten Gründen und wenn wir das verleugnen, verraten wir uns selbst.

Auf bald,

Cali

7 thoughts on “Gibt es unpassende Zeitpunkte für ernste Themen?

  1. Liebe Cali,

    danke für diese Gedanken, find ich so herzerfrischend und ich fühle in mir Ähnliches, auch wenn ich einige Jahre mehr in der DDR verbracht habe. Auch mir hat das nicht geschadet, hatte eine schöne Kindheit und kannte es nicht anders. Es war damals eben so und es war in Ordnung.

    Noch ein Kompliment für deinen Blog, sehr interessant deine Themen🙂 Ich wünsche dir viele Leser, die sich von die inspirieren lassen.

    Liebe Grüße Heike Leandra

    • Liebe Heike,

      danke für deinen Kommentar und das Kompliment! Ich freue mich, dass auch dieser erste Artikel Beachtung gefunden hat, denn er ist thematisch ja schon etwas anders als die anderen Beiträge. =) Liebe Grüße auch an dich, Cali

  2. Ich habe gerade gestern im Radio einen sehr langen und ausführlichen Bericht darüber gehört, was SchülerInnen heute von der DDR wissen. Je nach Schulsystem war das natürlich sehr unterschiedlich. Gymnasiasten waren durchaus informierter und auch interessierter. Eine Studie ergab übrigens, dass Jugendliche ohne Bezug (Verwandtschaft) zur DDR ein breitgefächertes Wissen hatten als umgekehrt. Dagegen hatten Schüler, deren Eltern und Großeltern viel vom Leben in der DDR erzählten ein bereits vorgefertigtes Bild – in beide Richtungen -, das sich nur schwer oder gar nicht relativieren ließ.

    • Natürlich ist jeder beeinflusst durch das, was ihm erzählt wird. Insbesondere innerhalb der Familie. Mein Anliegen war es darum, mich für eine differenzierte Betrachtung auszusprechen und nicht für eine einseitige. Danke für deinen informativen Kommentar. =)

    • Ich war gestern mit dem Kochen an der Reihe und hatte ausgiebig Zeit mir diese Sendung anzuhören. Erschreckt hat mich die Tatsache, dass einige Schüler überhaupt kein Interesse an der jüngsten Geschichte haben und das damit begründeten, dass man in die Zukunft schauen und nicht immer die Vergangenheit „durchkauen“ müsse. Die Einsicht, dass Vergangenheit und Gegenwart die Zukunft prägen, fehlte leider.

    • Diese Einsicht ist absolut wichtig. Das sehe ich natürlich genauso. Aber ich als noch nicht allzu lange der Schule Entwachsene muss auch sagen, dass innerhalb der Lehrpläne oft versäumt wird deutlich zu machen welche Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht. Ein ausschließliches Rumgestocher in der Vergangenheit ist fruchtlos, das bloße Auswendiglernen von Zahlen und Fakten ist stupide und die Themen sind über zu viele Jahre dieselben.

    • Dafür könnten Projekttage gut genutzt werden. Außerdem muss ich gestehen, dass mir dieses, wie Du es nennst, Rumgestocher in unserer ganz jungen Vergangenheit entschieden zu weit geht, in der Schule und im politischen Alltag. Diese Akribie hätte ich mir für die Aufarbeitung der braunen Zeit einige Jahrzehnte früher gewünscht – und wünsche sie mir immer noch.

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