Die Sonne scheint, wann wir es wollen

Liebe Leser,

gestern schien die Sonne, fast den ganzen Tag. Es war so ein herrlicher Sonnenschein, dass man gar nicht umhinkam sich daran zu erfreuen und darüber zu staunen wie freundlich die Fassaden, Straßen und kahlen Bäume durch einen Klecks Licht aussehen können. Von innen durch die Fenster betrachtet hätte es der 01. April sein können. Verfrühte Frühlingsgefühle sind cool.

Eine Freundin schrieb mir eine E-Mail, in der auch sie dem Sonnenschein frönte und zugab schon einen Spaziergang nur des Spazierganges wegen gemacht zu haben. „Wunderschöner Sonnenschein. Gestern bin ich nur deswegen wie ne Oma spazieren gegangen.“ Und da war wieder dieses Gefühl, das mir sagt, dass der Mensch seit wenigen Generationen irgendetwas am Leben falsch versteht.

Niemals sollte man sich dafür rechtfertigen müssen mit Anfang Zwanzig den Willen aufzubringen vor die Tür zu gehen, im Gepäck das Ziel des Weges. An diesem Vorhaben ist nichts „Altes“, nichts „Einsames“, nichts „Albernes“. Kein nachweisbares Tagesziel zu verfolgen, das am Abend abgehakt werden kann, ist eine Tugend geworden. Tugend- wieder so ein verstaubtes Wort. Doch ich wüsste nicht, wie es sich sonst nennt, wenn jemand bereits in jungen Jahren etwas beherrscht, was man sonst nur alten Menschen zuschreibt.

Das „Jetzt“ zu würdigen ist die wichtigste Lektion auf der Suche nach Glück. Es fällt uns schwer, weil unser gesamtes Umfeld unaufhörlich an „Morgen“ denkt. Immer gut vorbereitet zu sein, keine Gelegenheit zu verpassen, schnell zu sein und dabei „perfekt“. Das sind Gefühle, denen man Herr werden muss, um nicht blind zu werden für die verdiente Chance jedes Tages ein glücklicher zu werden.

Letztes Wochenende bin ich mit dem Auto durch die hoffnungslos überfüllte Innenstadt gefahren, vorbei an einem sehr tiefhängenden Balkon. Eine laute und schmutzige Straße und es regnete, wie aus Eimern. Der Himmel war so dicht bewölkt, dass Laternen am frühen Nachmittag Sinn gemacht hätten. Die Atmosphäre war denkbar ungemütlich und das fand ich in einem kuscheligwarmen Auto. Während ich im Schritttempo an den Häuserfronten vorbeifuhr, erblickte ich einen jungen Mann, der eingehüllt in einen grauen Parka auf seinem winzigen Balkon geschützt durch einen weiteren über ihm in aller Seelenruhe eine Zeitung las und rauchte. Ein schöner Anblick, der verrät, dass die Sonne scheint, wann wir es wollen.

Sey mir gegrüßt mein Berg mit dem röthlich strahlenden Gipfel,
     Sey mir Sonne gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint,
Dich auch grüß ich belebte Flur, euch säuselnde Linden,
     Und den fröhlichen Chor, der auf den Aesten sich wiegt,

Ruhige Bläue dich auch, die unermeßlich sich ausgießt
     Um das braune Gebirg, über den grünenden Wald,
Auch um mich, der endlich entflohn des Zimmers Gefängniß
     Und dem engen Gespräch freudig sich rettet zu dir,
Deiner Lüfte balsamischer Strom durchrinnt mich erquickend (…)

Der Spaziergang- Friedrich Schiller, 1795

Auf bald,

Cali

9 thoughts on “Die Sonne scheint, wann wir es wollen

    • Bei der Tiefgründigkeit, mit der du bloggst, wusstest du das bestimmt schon vorher, ne? =) Habe übrigens durch Zufall, denn momentan mache ich hier noch nichts geordnet, noch ein Blog von dir entdeckt. Kann das sein oder irre ich mich?

    • Ja, schon, ist aber immer wieder schön zu lesen. Und du hast das in eine schöne Geschichte gepackt.

      Wenn der Blog mit „tom-ate“ beginnt, dann ist es meiner. Den hab auch als Gegengewicht zur „Tiefgründigkeit“ in die Welt gesetzt. An den Landmarken arbeite ich, in der tom-bola tobe ich mich ein wenig aus.😉 Es ist manchmal gut, solche Gegensätzlichkeiten voneinander abzugrenzen.

  1. Hallo calichino,

    wie klasse, daß Du Dich grad bei uns auf dem Blog bemerkbar gemacht hast. So konnte ich doch Deine „Spuren“ verfolgen und Deinen Blog entdecken. Da wär mir sonst echt was entgangen. Super Text. Danke.

    Liebe Grüße von Kirstin

  2. Hallo Kirstin!

    Mensch, das geht hier alles aber schnell. =) Den Dank kann ich nur zurückgeben. Dein Text hat mir gezeigt, dass ich mit einigem nicht so allein bin, wie ich manchmal fürchte.

    Viele Grüße zurück,

    Cali

  3. „Die Sonne scheint, wenn wir es wollen!“

    Bei diesen simplen und doch tiefgründigen Worten sind mir gleich ein paar Tränchen in die Augen geschossen. Und du hast so Recht! Hinreißend!

  4. Pingback: Der 50. Beitrag: Mögen die Spiele beginnen! « calichino

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s