Spießerin aus Überzeugung

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich wäre im besten Alter mich für die grenzenlose Freiheit des Individuums einzusetzen und das mit Ghettoblaster im Kofferraum. Aber ich habe das schon hinter mir. Mir gehörte schon einmal die Welt, Freiheit in allen Lebenslagen war für mich ein Menschenrecht und jeder, der etwas andere sagte, war ein Spießer. Wenn es einmal mehr über mich kommt, erinnere ich mich daran, wie mein Vater mir folgenden Satz bei jeder Gelegenheit vorhielt und ich ihn dafür, ja, hasste: „Wenn du in dieser Gesellschaft leben willst, musst du ihre Regeln akzeptieren. Das ist die Bedingung.“ Ein Stich in mein freiheitsliebendes Herz. Tränen aus Wut und böse Worte aus Enttäuschung.

Wie ich vor einigen Tagen festhielt, bin ich mir treu geblieben und habe mit dem Rückgang gewisser Hormonausschüttungen nicht all meine Überzeugungen über Bord geworfen. Anderes musste ich überdenken und mir einige Irrglauben eingestehen. Dafür habe ich meinen Weg nach innen angetreten. Ich musste akzeptieren, dass meine Freiheit dort endet, wo die des anderen beginnt. Selbiges Verhalten erwarte ich heute von allen Mitgliedern der Gesellschaft, in der ich mich befinde. Leider fühle ich mich genau hier oft betrogen.

Die 24/7 laute Musik meiner Nachbarn bringt mich zur Weißglut. Ihr Spaß kostet mich meine Ruhe. Das ungehemmte Stillen eines zweiwochenalten Babys in einem viel zu vollen Cafe beleidigt mein Auge und ich wünsche mir für mich und das Kind mehr Diskretion. Es gibt geeignetere Umgebungen für ein so kleines Wesen, als eine Mischung aus Schweiß, Parfüm, Milchschaum, Kakaopulver, Kerzenwachs und Stimmen, in allen Tonhöhen und Sprachen. Ich verfluche Verkehrsegoisten. Man blinkt bevor man abbiegt und bequemt sich auch einmal den Rückwärtsgang einzulegen, wenn nunmal nicht zwei Autos durch die enge Gasse passen. Ich wünschte, ich wäre 2,40 m groß und breit, wenn ich mal wieder der Musik anderer Leute und jenen, die es einmal werden wollen, in Bus und Bahn ausgesetzt bin. Mich regt die Sparsamkeit mit „Bitte“, „Danke“, „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ auf. Und ja, ich habe Angst vor großen Hunden und finde, dass sie Maulkorb und Leine tragen sollten.

Es liegt auf der Hand – ich bin das geworden, was ich nie werden wollte. Eine Vorzeigebürgerin. Eben, das hat aber auch seine Vorzüge. Ich hätte nichts gegen tanzende Leute auf den Straßen, mir ist es so egal, wie wer aussieht und welches Geschlecht er bevorzugt. Mir ist jede Farbe einer Fassade recht, solange sie sorgsam ausgesucht wurde und ich habe Verständnis für die schlechte Laune einer Kassiererin, solange sie vorübergeht. Ist das nichts?

Alles hat seinen Platz. Ganz viel Toleranz auf den Tortenboden der Gesellschaft, aber damit nicht alles an den Seiten runterläuft, ist ein dicker Rand Respekt unverzichtbar. Ich finde, dazu sollte man stehen dürfen.

Auf bald,

Cali

4 thoughts on “Spießerin aus Überzeugung

    • Willkommen Träumerin, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich echt sehr über jegliche Resonanz. Diese Details muss auch um Himmels Willen nicht jeder teilen. Das ist etwas sehr persönliches, nicht jeder ist da so schreckhaft wie ich. Wichtig ist die „message“.😉

      Liebe Grüße zurück

  1. Weißte liebe calichino, ich muß einfach nur lachen. kann gar nicht mal was sagen groß. gefällt mir super hier.🙂

    Leider find ich hier keine Kontaktmöglichkeit. Magst Du vielleicht mal mit mir in Verbindung treten? Keine Angst, ganz harmlos😉

    Liebe Grüße von Kirstin

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