Alltagsbegegnungen I

Meine lieben Leser,

der Umgang hier im Internet ist bestimmt von Nettigkeiten, Komplimenten und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Das schafft ein gutes Klima und bringt jede Menge Spaß. Im Alltag sieht es jedoch oft anders aus. Wir haben uns entfremdet und meiden den Kontakt mit Unbekannten so oft wie möglich. Es fällt uns schwer einen Schritt auf die Menschen zu zu machen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und die kühle Distanz einmal zu überwinden. Dabei könnte es so einfach sein.

Möglicherweise war ich selber Schuld als ich im Supermarkt mal wieder vor den Einkaufskörben stand und weder einen Chip, noch eine Euromünze hatte. Den Einkauf auf dem Arm zu balancieren würde in geplatzer Milch und rollenden Tomaten enden, das hatte ich schon. Also blieb mir nichts anderes übrig als mich auf die Suche nach einem „Wechsler“ zu begeben. Ein Zwei-Euro-Stück wollte ich wechseln, eigentlich keine große Sache, kein Grund zu Misstrauen. Ich sprach ein älteres Pärchen an, ob sie mir eventuell behilflich sein könnten. Mit skeptischem Blick ließen sie sich dazu hinreißen mir den Gefallen zu tun. Sie kramten in ihren Geldbörsen, die tatsächlich nur eine Sammlung Cents beinhalteten. Leider kein Treffer. Viele der Anwesenden hatten inzwischen meine Not bemerkt und widmeten sich darum dem Verstauen ihrer Einkäufe mit unantastbarer Hingabe. Ich sollte ja nicht auf die Idee kommen sie anzusprechen.

Ich wollte nicht, dass mir jemand die Einkäufe bezahlt, sondern mir das Kleingeld wechselt!

Ich ließ mich nicht abwimmeln mit Rufen oder Hinweisen im Vorbeigehen: „Gehen Sie doch an die Kasse!“ Warum? Um der total gestressten Kassiererin auch noch mit meiner Vergesslichkeit auf die Nerven zu gehen? Sicher nicht, ich wollte, dass mir einer von ihnen hilft und ich diesen Versuch nicht aus Unbehagen und mit rot angelaufenem Kopf abbrechen muss. Nach fast zehn Minuten reichte mir eine Dame, die schon länger an der Einpackstation gestanden hatte ohne weiteren Blickkontakt und viele Worte die ersehnten Münzen. Ich dankte ihr überschwenglich und schob diesen bescheuerten Wagen endlich voller Erleichterung durch das Drehkreuz.

Ich war ernüchtert. Die Reserviertheit der Leute hatte mich peinlich berührt und diese Erfahrung war ein prima Denkzettel. Doch warum und für was? Für Anonymität, Distanz und Ablehnung, in denen wir uns häuslich eingerichtet haben und es darum nicht für nötig halten sie durch Vertrauen, Annahme und Beteiligung zu ersetzen. Liebe Leute, das muss sich ändern!

Eure Cali

P.S.: In Alltagsbegegnungen II soll ein gutes Beispiel seinen Platz finden.

16 thoughts on “Alltagsbegegnungen I

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Genau das macht mich auch fertig…aber noch nicht lange. Ich selbst war verschlossen, misstrauisch und kühl….Leute auf der Straße gingen mich nichts an….man sprach gar nichts, oder das nötigste mit der Verkäuferin und hetzte nach Hause. Ich kannte es nicht anders. Bin in so einer Umgebung aufgewachsen, meine Erziehung war so geprägt, meine Persönlichkeit war eher etwas reserviert….all das macht keine gute Combo. Aber durch meinem Partner werden mir langsam die Augen geöffnet. Er ist so ganz anders. Er interessiert sich für Menschen, er redet mit ihnen, ist behilflich…ganz egal wo er ist. Er ist ein Menschenfreund und warmherzig und hat immer ein Ohr….ganz egal ob Freund oder Fremder. Am Anfang war das befremdlich, teilweise auch nervig….hatte plötzlich mit so vielen Leuten Kontakt…war das nicht gewöhnt, war überfordert….aber mit der Zeit bin ich aufgetaut, wurde weicher, offener, ich gehe mehr auf Menschen zu. Ich bin noch nicht am Ziel, aber ich glaube, ich bewege mich in die richtige Richtung. Solche Supermarkt-Vorfälle sind so typisch und traurig. Einer muß anfangen zu lächeln und das Eis zu durchbrechen. Die meisten Menschen freuen sich nämlich dann doch, wenn man den ersten Schritt auf sie zu macht.

    • Das ist es ja! Eigentlich tut es jedem gut, wenn er von seinen Mitmenschen gehört wird und sich auf ihre Hilfe verlassen kann. Und auch behilflich zu sein und etwas Gutes zu tun kann beglücken. Aber ehe es dazu kommt müssen erst ganze Gebirge aus dem Weg geträumt werden. Da hilt nur es immer und immer wieder darauf ankommen zu lassen.

      Finde ich toll, dass dein Freund dir dabei ein gutes Vorbild ist. Zu zweit ist es gleich noch leichter. Er scheint so ein „Eisbrecher“ zu sein, das ist doch optimal um sich hinter ihm langsam an die Sache ranzutasten. Viele Grüße, Cali

  2. Genau so ist es – großartig, daß Du da so „penetrant“😉 geblieben bist. Ich glaube, wir alle haben auf die eine oder andere Art noch ein Nähe-Distanz-Problem. Der eine mehr, der andere weniger. Aber kennen tun wir es glaub ich alle. Und da darf sich gehörig gedanklich was ändern. Denn mit jedem anderen Gedanken, den ich aussende, veränder ich das große ganze wieder ein Stück.

    Liebe Grüße von KirsTin

    • Viel mir auch sehr schwer hartnäckig zu bleiben. Und wieviele Gedanke sich durch unser Gespräch bereits hier auf dem Blog tummeln, das lässt die Welt nicht kalt!😉 Cali

  3. Hallo
    Beim Gegenbesuch bin ich gerade ein bisschen auf deinem Blog hängengeblieben. Spannende Themen, auch gerade dieses🙂 Auch wenn’s nur eine virtuelle Begegnung ist, tut trotzdem gut.
    …auch wennn ich nun wieder lernen gehen muss🙂

  4. Mir ging es letztens so ähnlich, falsche Hose an und deshalb keinen Chip dabei, die rotten sich komischerweise immer im Bad zusammen… Dabei fiel mir dann auf, daß es in der Anfangszeit der angeketteten Einkaufswagen noch relativ normal war, die Mark zu wechseln, und so ziemlich jeder hatte auch passendes Kleingeld. Erst mit den Einkaufswagenchips ist das große Wechselritual dann wieder komplett eingeschlafen.

    • Das stimmt! Ich erinnere mich daran, dass es früher üblicher war das Geld zu wechseln. Manchmal hat man auch jemandem einfach einen Euro in die Hand gedrückt und seinen Wagen dann gleich so übernommen wie er war. Aha, der Chip ist also schuld!😛 Danke für deinen Kommentar, Cali

  5. Ich muß ehrlich gestehen, daß ich immer ein sehr ängstlicher Mensch war, vor allem in bezug auf Fremde. Ich habe kein Problem, anderen Geld zu wechseln oder so, aber selbst andere um so etwas zu bitten. Früher war das ganz schlimm, heute ist es sehr viel besser, es ist auch eine Übungssache, von sich aus auf Menschen zuzugehen, sie um etwas zu bitten. Oder auch sie zu grüßen, einfach mal zu lächeln. Man kann alles lernen, wenn man nur will …🙂

    • Ja, das kann man! Und die Angst wäre wie weg geblasen, wenn man wüsste, dass es ganz normal ist und keine negativen Reaktionen zu erwarten sind. Auch das Grüßen ist so eine Sache. Es ist so wichtig und wird doch viel zu oft übergangen. Beim Arzt, im Haus, am Arbeitsplatz. Man sollte sich einen Spaß daraus machen es so oft wie möglich am Tag zu tun, irgendwann ist es keine Hürde mehr.🙂 Schön, dass du vorbeigeguckt hast! Cali

  6. Ich glaube einfach, dass in den letzten Jahren auf eine ganz subtile Weise Misstrauen gesät wurde (keine Ahnung, was das auslösende Moment war). Es ist ein Reflex der Abwehr entstanden. Vielleicht will die Frau ja nur sehen, wie voll meine Geldbörse ist? Das wirst Du überall beobachten können. Selbst „Nein“ zu sagen ist nicht mehr drin. Schau Dich in der U-Bahn um. Kaum kommt ein Motz- oder Straßenfegeranbieter oder ein Musikant in den Waggon, wird emsigst gelesen, die Augen geschlossen oder stur auf die eigenen Schuhe geschaut. Ist es denn so schwer, diese Menschen anzusehen? Vielleicht mit einem Lächeln eine Gabe abzulehnen? Herzenswäme kann leider nicht gelehrt werden. Entweder man hat sie oder nicht.

  7. Liebe Elvira, es ist wie du schreibst. Bis auf den letzten Satz, denn ich glaube fast jeder besitzt Herzenswärme. Man muss sich bloß trauen, und hierfür muss man mutig sein, sie auszuleben- komme was wolle.😉

  8. Oh, der Umgang im Internet ist nicht bestimmt von Nettigkeiten. Ganz oft finde ich den Ton weitaus härter als in der Realität. Allerdings meide ich solche Blogs und suche mir die, in denen der Umgangston herrscht, den du beschreibst.🙂

    Und sonst schließe ich mich den Kommentaren von Mascha und Ellen an. Ich bin auch eher zurückhaltend und abwartend – allerdings ist das von der Tagesform abhängig und natürlich auch von der Umgebung. Je anonymer das alles, desto mehr passe ich mich an. Aber ich arbeite schrittweise daran, Maschas Richtung einzuschlagen.🙂

    • Liebe Anna, du hast recht. Ich war letztens auf einem Blog, der auf der „Top-Blogs“-Seite war und da herrschte Hahnenkampfstimmung. Ganz schlimm. Schön, dass es in meinem kleineren Dunstkreis ganz und gar nicht so ist.

      Ich finde es gut, dass so viel Bereitschaft zu spüren ist, sich wieder mehr zu öffnen. Das kann nur Vorteile haben. Danke für deinen Kommentar!😉

  9. Es kommt wohl auch darauf an ob man in einer Großstadt oder auf dem Land wohnt. In der Großstadt geht es an anonymer zu. Bei uns auf dem Land grüßt jeder jeden. Egal ob man sich kennt oder nicht. Man ist froh überhaupt jemanden zu begegnen. Die Leute duzen sich auch alle, dabei spielt das Alter keine Rolle. Wer hier „Sie“ sagt wird komisch angeguckt. Deshalb ist das um Hilfe bitten auch kein Problem. Hier bemüht man sich noch eine Lösung zu finden, auch wenn man selbst nicht weiter helfen kann.

    LG Susanne

    • Hach ja, das hört sich gut an!

      Die Großstadt hat viele Vorteile, aber genauso viele Nachteile. Finde ich toll, dass es bei dir so einen Zusammenhalt gibt. Ich wünschte auch ich könnte hier im Haus irgendwen um Zucker bitten. Behaltet das bei und zeigt den hochnäsigen Großstädten mal, dass sie nicht der Non-Plus-Ultra-Lebenraum sind, für den sie sich gern ausgeben!😉 Cali

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s