„Was gesagt werden muss“ von Günter Grass

„Was gesagt werden muss“ von Günter Grass

(gefunden hier: http://www.tagesschau.de/inland/grassgedicht102.html)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

8 thoughts on “„Was gesagt werden muss“ von Günter Grass

  1. Ich nehme mal an, dass du die Ausage des Gedichtes gut findest, da du es hier in dein Blog übernimmst.
    Frage zum Urheberrecht: hast du Herrn Grass gefragt, ob du das Gedicht übernehmen darfst und ob er etwas dafür bezahlt haben möchte?

    • Das solltest du nicht annehmen. Was ich finde ist: Man sollte eine Meinung zu diesem Gedicht haben.

      Deine Frage beantworte ich denen, die dazu berechtigt sind mich das zu fragen.

  2. Liebe Cali,

    das hier hab ich glatt übersehen. Großartig. Es ist für mich so wichtig, daß nichts, aber auch gar nichts mehr verschwiegen wird. Was letztendlich der Wahrheit entspricht, das werden wir sowieso vermutlich nie wissen. Wem kann ich heute noch trauen? Nur meinem eigenen Bauch, meiner inneren Stimme. Einfach nur glücklich und in Frieden sein, das ist es doch, was die Menschen wollen. Und dazu gehört nun mal, alles aufzudecken.

    Danke für Deinen Einsatz.

    Liebe Grüße von Kirstin

    • Diesen Dank kann ich nur zurückgeben! Ich bin froh, dass ihr mir auch Bekenntnisse zu solchen ernsten und strittigen Themen nicht übelnehmt und hinter mir steht! Du hast ganz recht, Kirstin, nichts darf unausgesprochen bleiben.

      @ bravo56 Tut mir Leid, dass die postitive Energie dieses Blogs Ihre Polemik zum Frühstück frisst.

    • Positive Energie darf natürlich nicht gestört werden … sie ist so flüchtig.

    • Schade, dass Sie solch schlechte Erfahrung gemacht haben. Sie sind herzlich eingeladen sich mit uns vom Gegenteil zu überzeugen.

    • Du, ich bin doch selbst eine, die die Klappe immer auf hat. Im Moment wohl nicht so, hab grad viel mit mir selbst zu tun. Aber wenn es eine Meinung zu vertreten gilt oder auf etwas aufmerksam zu machen, dann bin ich schon da,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s