Das Missverständnis um die Menschenkenntnis

Meine lieben Leser,

wie ich zuletzt für mich feststellte ist jeder Mensch unantastbar. Ein jeder von uns ist unendlich, schlicht unbegreiflich. Das hat Konsequenzen für unseren Umgang mit Urteilen, Sichtweisen und Meinungen, die andere Leute über uns zu haben scheinen (!), aber selbstverständlich auch für unsere ganz eigene Betrachtung anderer Menschen. Ein Gedanke, der nicht zuende gedacht wird ist nutzlos, darum nun die selbstkritische Schlussfolderung zum letzten Artikel.

Eine gute Menschenkenntnis zu haben gilt als guter Berater im Umgang mit anderen Leuten. Schon zig mal hat man diesen Typus von Menschen getroffen und meint genau zu wissen wie er oder sie sich verhält, verhalten wird und vor allem warum. Klischees werden angelegt, aber selten bestätigt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es nur sehr, sehr wenige Menschen gibt, die auch auf den dritten Blick und nach dem zehnten Gespräch dem Klischee in vollem Umfang entsprechen, das sie von der ersten Sekunde an verkörperten. Doch auch das ist dann Authentizität, die ihre unumstößliche Berechtigung hat. Viel öfter jedoch wird man in seinem Vorurteil enttäuscht. Gott sei Dank.

Auch wir müssen verstehen, dass das so einfach mit unseren Mitmenschen alles nicht ist. So durchschaubar und klar uns das Wesen mancher Menschen erscheint, so kurzsichtig und blind sind wir selbst. Auch eine ausgezeichnete Menschenkenntnis befähigt nicht in einem Anderen zu lesen wie in einem Buch. Bruchteile mögen erkennbar sein, doch das große Ganze entzieht sich unserer Perspektive.

Der Begriff der Menschenkenntnis wird häufig falsch verstanden. Eine wirkliche Gabe ist es nicht einen medial und durch Erfahrung vorgefertigten Prototypen auf real existierende Personen anzuwenden und sich damit zu schmücken. Wahre Menschenkenntnis ist nicht das Wesen eines bestimmten Menschen ergründet zu meinen, sondern den Menschen an sich, das Lebewesen zu verstehen. Dazu gehört zu wissen, dass hinter jedem unserer Mitmenschen so viel mehr steckt als wir uns jemals vorstellen könnten.

Da sind Erfahrungen, Gedanken und Gefühle, die wir nicht erahnt haben. Und das in Unmengen, in einer Vielfalt, die alles in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Die Verbitterung der Nachbarin ist keine schlechte Charaktereigenschaft sondern ihre Art einen Schmerz zu verarbeiten, die Sorglosigkeit unserer besten Freundin ist hart erarbeitet und die Worte unserer Eltern haben viel mehr Gewicht als wir es je für möglich gehalten hätten. Sie wollten uns etwas sagen, dass mit Worten nicht zu sagen war.

Zu wirklicher Menschenkenntnis zählt sich selbst zu verstehen, in anderen sich selbst zu erkennen und auch sie zu verstehen. Und es gehört ebenso dazu Grenzen dieses Verständnisses zu ertasten, sie zu akzeptieren und dankbar dafür zu sein.

In aller Liebe wünsche ich euch einen wunderschönen Ostermontag,

eure Cali

9 thoughts on “Das Missverständnis um die Menschenkenntnis

  1. „Zu wirklicher Menschenkenntnis zählt sich selbst zu verstehen, in anderen sich selbst zu erkennen und auch sie zu verstehen. Und es gehört ebenso dazu Grenzen dieses Verständnisses zu ertasten, sie zu akzeptieren und dankbar dafür zu sein.“

    – Ein toller Satz zum Abschluss und ein sehr guter Beitrag!
    Ich würde sagen, dass auch eine gesunde Portion Toleranz den Umgang mit unseren Mitmenschen erleichtern würde.
    Was ist wahre Menschenkenntnis – du hast recht … man kann in keinen Menschen 100%-ig hineinschauen.

    Man kann höchstens, wenn man über genug Einfühlungsvermögen verfügt, einiges hinter der Fassade, hinter den „Masken“ (Beispiel Nachbarin) erahnen. Jeder Mensch ist extrem individuell – manchmal gibt es bestimmte Verhaltensmuster, die man bei jemandem schon erlebt hat und einen dazu veranlasst, genügend Menschenkenntnis zu haben zu glauben.

    Doch es kann auch zu Vorurteilen führen, wenn man sich auf einigermaßen bekannte Muster verläßt. Man kann sich trotzdem immer wieder täuschen – im positiven oder negativen Sinne. Wir können nicht wissen, welchen Ursprung z.B. gewisse Verhaltensweisen von Kollegen am Arbeitsplatz haben. Welche Hintergründe? Warum sind manche unfreundlich, dominant, immer schlecht drauf oder mobben andere? All das hat einen Grund, den man mit seiner Menschenkenntnis unter Umständen nicht zur Gänze erforschen kann. Das Verhalten von Menschen wird oft recht schnell verurteilt, ohne jedoch ihre Beweggründe oder ihren Hintergrund zu kennen.

    Liebe Grüße,
    Sunelly Sims

    • Liebe Sunelly, das hast du sehr schön nochmal ausgeführt. Genauso denke ich auch. Vielen Dank für deinen Kommentar!😉 Cali

    • Danke, liebe Belleza! Es freut mich so sehr, wenn es mir gelungen sein sollte nicht nur für mich zu sprechen. Viele liebe Grüße an dich, Cali

  2. Ich sag immer, ich kann nur den anderen verstehen, in dem Maße, wie ich mich selbst verstehe. Lach – und nicht mal dann. Ich freu mich so sehr, daß die Grenzen und Mauern, die vermeintliche Trennung immer mehr verschwindet. Wie schön ist es, daß wir in diesen Zeten in dieser Energie leben. Ich z.b. hab sooo lange darauf gewartet. Raum und Zeit ist fast völlig bedeutungslos für mich geworden.

    Liebe Grüße von Kirstin

    • Liebe Kirstin, danke, dass du hier immer und immer wieder deine Gedanken und Erfahrungen hinzufügst. Auf diese Weise wird jeder Beitrag viel mehr als ein Monolog, er wird zum Dialog. Und so soll es sein. Viele Grüße, Cali

  3. „Zu wirklicher Menschenkenntnis zählt sich selbst zu verstehen, in anderen sich selbst zu erkennen und auch sie zu verstehen.“ – Hey, ein großer Satz. In anderen, eben dann wenn sie nerven, wenn sie bockig sind, wenn sie stänkern, wenn sie Scheiße bauen, ja dann immer auch sich selbst darin erkennen, das ist wahre Größe. Denn wären wir nicht selbst auch Nervensägen, etc., dann würden wir die anderen gar nicht verstehen. Wir würden der Nervensäge sagen: Interessant, so was kenn‘ ich gar nicht. Wie fühlt sich das denn an?
    LG Tom

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