Der gesenkte Blick

Meine lieben Leser,

ich bin zur Zeit so nachdenklich wie schon lange nicht mehr. Eigentlich hieße das ja viel Stoff zum Posten, aber vieles ist so ungeordnet, so unaussprechlich, dass ich es lieber lasse.

Ich weiß gar nicht worüber ich brüte. Klar geht es um mich und um euch, aber genauer kann ich es nicht sagen. Darum beobachte ich einfach vieles und lasse mir etwas erzählen, warte auf Antworten. Ich fahre oft Zug und verfolge die vorbeiziehenden Landschaften, betrachte die Leute, die ein- und aussteigen. Wusstet ihr, dass beinahe niemand dabei hochsieht? Als ich selbst noch nicht hingesehen habe, dachte ich immer alle würden gucken.

Es ist schon ein komisches Phänomen, dass kaum Jemand sofern er allein unterwegs ist mit dem Blick geradeaus die Straße hinaufläuft, in der Bahn von der Zeitung oder dem Buch hochsieht. Mir kommt es vor als fürchteten wir die Begegnung, den Kontakt zum Anderen, zum Fremden, der einem direkt gegenüber sitzt und dessen Knie im Rhytmus der Gleise gegen unseres schlägt.

Mit Musik auf den Ohren und dem obligatorisch gesenkten Blick konnte ich es schaffen auf zwei Stunden Fahrt ganz allein gewesen zu sein. Und auch die Hunderten Fahrgäste, die um mich herum ihrer Wege gingen und fuhren, fühlten sich allein, manche sogar einsam, glaube ich.

Nun fahre ich seit einigen Tagen also erhobenen Hauptes mit dem Zug und sehe plötzlich all die gesenkten Blicke, die Frau, die Kaugummis von der Bahnsteigtreppe kratzt, den schiefen Krawattenknoten, die fehlenden Wimpern und die Krankheit unter dem Basecap, die rauen Hände vom Handwerk, die blauen Augen vom Papa. Es ist der Wahnsinn was ich in dieser kurzen Zeit alles gesehen habe, weil ich hingeguckt habe.

Ich fühle mich den Leuten näher, die im Fokus meines Blicks Menschen mit Geschichte werden. Es ist erstaunlich wie vertraut sie mir auf einmal sind, wenn sie sich unbeobachtet fühlen und nicht vollkommen affektiert um die Gunst ihres Gegenübers ringen. Und wenn dann doch mal jemand hochsieht, direkt in meine Augen, hoffe ich, dass auch ich ihm mehr bin als eine Pause während er die Seite wendet.

Habt einen schönen Abend und Feiertag,

Eure Cali

16 thoughts on “Der gesenkte Blick

  1. Genau das mache ich jetzt auch schon immer bewusster und ich finde es gut, daß Du es auch machst. Einfach Menschen beobachten. Das ist hoch interessant. Einmal bin ich im Park spazieren gewesen und ich sah einen Asiaten auf einer Bank sitzen. Er las etwas und plötzlich lächelte er beim Lesen. Ich musste automatisch auch lächeln🙂

  2. Ach, Calichino… Du schreibst so wunderbar, dass es mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Irgendwie melancholisch, nachdenklich und mit so viel Herz! Du bist großartig!

    • Ja, das stimmt. Wahrscheinlich ist dieses „Umdenken“ auch genau daraus entstanden. Ich möchte erkannt werden, also versuche auch ich andere zu erkennen.😉

    • Schon Gichin Funakoshi meinte:
      „Erkenne erst Dich selbst, dann den anderen.“, wobei sein Augenmerk auf der Kampkunst lag.

      Und Sun Tzu schreibt in seinem Buch „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Die Kunst des Krieges“:
      „Kennt einer den Gegner und sich selbst, wird er in hundert Schlachten nicht in Not geraten. Kennt einer den Gegner nicht, sonder nur sich selbst, sind Sieg und Niederlage gleich wahrscheinlich. Kennt einer aber weder den Gegner noch sich selbst, wird jede Schlacht für ihn lebensgefährlich.“

      Nun könnte man fragen, was das mit uns in Frieden lebenden Menschen zu tun hat … aber letztlich ist doch jeder Konflikt – ob mit anderen oder mit sich selbst – eine Art Krieg.

      Auf einer jüngst erhaltenen Geburtstagskarte fand ich folgendes Zitat:

      „Wer sich selbst besiegt, ist stark.
      Wer seine Mitte nicht verliert, ist unüberwindlich.“

      Alles Liebe,
      Ralph

  3. Ich gehöre auch zu dieser Fraktion, die vor kurzem festgestellt hat, dass man achtsam durch die Welt gehen kann und dabei so viel neues sehen kann. Trotzdem fällt mir auf, dass die meisten Menschen es wohl als unangenehm empfinden, wenn man sie länger als eine halbe Sekunde lang anschaut… Ich glaube, wir sind alle ziemlich empfindlich geworden!

    • Es erstaunt mich immer wieder, dass so viele Dinge, die ich gerade erlebe auch andere in diesen Tagen beschäftigen. Als würden diese Gedanken vom Himmel fallen.🙂

      Ja, einige finden es sicher nicht so angenehm, aber ich starre ja auch nicht, sondern beobachte „dezent“. Fände ich auch nicht toll, wenn mich einer anstarren würden. Empfindlich sind wir geworden, ja. Schade, sehr schade. Aber wir arbeiten dran.😉

    • Das sind vermutlich die gleichen Menschen, die sich auch selbst keine 3 Sekunden mehr in die Augen schauen können …

      Die Augen sind der Spiegel der Seele …

  4. Es scheint als ob die Menschen die Umwelt und damit auch sich selbst gar nicht mehr wahrnehmen wollen. Sie haben alle Angst – wovor? Als fröhlicher, selbstbewußter Mensch wird man skeptisch/bewundernd betrachtet – aber wie dankbar sind sie dann, wenn man sie bewußt wahrnimmt, ein Lächeln schenkt, vielleicht ein freundliches Wort …… „Verändere dich selbst und die Welt wird sich verändern“ … also mit erhobenem Haupt, mit Freude, Offenheit und Interesse durch die Welt spazieren – und die Welt um uns wird sich verändern🙂

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