Plädoyer: Für die Pflicht sich seiner Neurosen zu stellen

Meine lieben Leser,

niemand sollte diesen Beitrag als unbeteiligter Dritter lesen, sondern als Adressat. Mir zumindest ist kein Mensch bekannt, der sich nicht angesprochen fühlen sollte. Für alle Kritiker: Dieser Text richtet sich natürlich auch an mich.  Ach! Da haben wir es schon.

Den Druck in sich zu spüren mögliche Anfeindungen Anderer vermeiden oder schnellstmöglich ziellos machen zu müssen ist sicherlich eine meiner Neurosen. Sogar hier im Internet. Die Angst Irgendjemand könnte einen schlechten Eindruck von mir haben und mir schließlich seine Gunst entziehen ist da und sie zwingt mich dazu mich schon vor der Anklage zu rechtfertigen. Das macht zurecht verdächtig-neurosenverdächtig.

Zumindest bin ich der Lage mir das einzugestehen, vor mir und vor anderen. Wieviele sind das nicht? Mittlerweile meide ich die Gesellschaft einiger Leute, deren offensichtliche Neurosen mich förmlich anspringen, wenn ich den Raum betrete. Sie machen sich breit auf  menschlichen Beziehungen wie ein Ölfilm auf dem Meer, trüben sie und machen sie irgendwann zu schlammigen, schwarzen Gewässern aus Missverständnissen und Kränkungen.

Der Minderwertigkeitskomplex ist wohl die weitverbreiteste und bekannteste Neurose. Auch hier fällt mir niemand ein, der ihn nicht hat. Gebt doch einfach zu, dass ihr den Blick eures Partners als ablehnenden Kommentar auf eure Frisur oder euer Outfit versteht! Nach einer endlosen Diskussion über diesen Blick wird sich doch eh herausstellen, dass der Kerl mit dem Zeh gegen die Bettkante gerannt ist und er deswegen so grimmig geguckt hat. Danken wir der chronischen Vorstellung von den schlechten Gedanken anderer über uns für einen versauten Nachmittag. Der Tag ist gelaufen, das muss aber nicht bis in alle Zeit so bleiben.

Auch wenn hinter beinahe jeder Neurose irgendwo fehlender Selbstwert stecken mag, gibt es noch zahlreiche andere Komplexe. Nehmen wir die „Opfer“-Neurose. Alle sind schuld, nur nicht man selbst. Erde, Feuer, Wasser, Wind haben sich gegen einen verschworen und die kaputte Waschmaschine, der Ausschlag und der Stau sowieso. „Immer nur mir…!“, „War ja klar, dass mir…“ Kein weiterer Kommentar.

Platz muss auch noch sein für die „Ich habe keine Neurosen“-Neurose. „Selbstreflexion“ ist etwas für Esoteriker. Man muss den Teufel nicht an die Wand malen und mit manchen Dingen einfach leben. Die Vorliebe für jüngere, unerfahrene, leicht zu beeindruckende Frauen, die vier Kinder aus vier verschiedenen Partnerschaften, sowie die Unfähigkeit zu bemerken, dass man ohne Luft zu holen stundenlang nur von sich erzählt sind doch nichts. Außer ein ernstzunehmender Hinweis auf tiefe Unzufriedenheit und eine Belastung für das Umfeld natürlich.

Geht nicht zu Psychologen und schafft euch dort die „Ich bin ein ganz verrückter Mensch mit schlimmen Neurosen“-Neurose an, sondern gesteht euch eure Schwächen einfach ein. Sprecht sie aus und steht dazu. Es tut gut und gar nicht weh.

 
Eure Cali

 

 

 

 

 

 

 

6 thoughts on “Plädoyer: Für die Pflicht sich seiner Neurosen zu stellen

  1. ja, genau Cali, und wenn ich es ausgesprochen hab, hab ich oft genug festgestellt, daß es bereits gar nicht mehr so schlimm ist oder mein Gegenüber kennt es bei sich auch. Schon ist da eine Gemeinschaft geschaffen.

    Liebe Grüße von Kirstin

    • Das stimmt absolut. Man lernt sich viel besser kennen und kann zukünftig besser aufeinander eingehen. Der andere weiß dann wo mein Schwachpunkt ist und kann damit umgehen. Und ich kann versuchen mir vor dem nächsten Wutanfall das Gespräch ins Gedächtnis zu rufen und mir ein anderes Bild von der Reaktion meines Gegenüber zu machen.

      Schönen Sonntag, Kirstin! Cali

  2. Hallo Cali,

    ich muß glücklicherweise nicht mehr zu den Rushhourzeiten in Berlins Bus oder Bahn sitzen/stehen, worüber ich sehr froh bin. Alle sind in Hektik, eilen durch die Stadt ohne links und rechts zu sehen, drängen sich in die Züge, als würden sie dann schneller abfahren. Beschleunigung, höher, weiter, besser – oft ohne Rücksicht auf das Gegenüber… Ein Bild, welches nicht nur in Bus und Bahn zu finden ist, ein Bild unserer Zeit, wofür wir einen hohen Preis zahlen (Burnout, Depressionen…)

    Ich selbst bin sehr für Entschleunigung, übe mich täglich darin, bewußt zu sein mit den Dingen, die ich tue und nicht bereits Stunden, Tage oder Wochen im voraus zu denken oder zu planen. Nein, das gelingt mir natürlich nicht immer, aber wenn doch, ist sofort spürbar wie viel angenehmer das Leben ist, dass manche Dinge sich von allein erledigen, und ich offensichtlich nicht für alles zuständig bin.

    Ich kenne viele Menschen, denen es ähnlich geht und daher bin ich sehr optimistisch 🙂

    Liebe Grüße
    Tine

    • Dieser Kommentar ist leider an der falschen Stelle gelandet😦. Ich wollte ihn unter „Urinstinkt vs. Menschlichkeit“ posten, sorry…
      Vielleicht nimmst Du ihn einfach wieder raus, liebe Cali

      Tine

    • Ich weiß, macht doch aber nichts. Erst wollte ich ihn verschieben, weiß aber nicht wie das geht. Quatsch, ich lösche ihn doch nicht. Er ist viel zu wichtig! Er bleibt jetzt hier, wer weiß warum er hier gelandet ist. =)

    • Liebe Tine,

      es freut mich, dass du viele Menschen kennst, die langsamer und intensiver leben wollen.

      Es ist wunderbar, wenn man in dieser Zeitlosigkeit schwelgen kann. Leider lässt sich der innere Zeitdruck nur schwer auflösen. Fristen, Termine etc. müssen erfüllt werden. Man muss sich sehr bemühen, um dabei trotzdem ruhig und unbelastet zu bleiben.

      Aber das tun wir und es wird sich lohnen. Schön, dass du an Bord bist, viele Grüße innerhalb Berlins, Cali

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