Leer werden tut weh

Desto länger und intensiver ich mich mit den Themen Identität und Identifikation befasse, desto konsequenter ich versuche mich nicht mehr zu definieren, desto mehr Schmerz empfinde ich.

Es kommt mir vor wie eine Entzugserscheinung, wenn ich plötzlich Neid auf jene empfinden, die ihre Vorstellung von sich selbst lustvoll, beinah exzessiv ausleben ohne auch nur zu ahnen, was sie da tun.

Das eigene Ego am langen Arm verhungern zu lassen tut mir weh. Ich kann nicht mehr ungeniert lästern und mich dabei gut fühlen. Ich kann nicht mehr shoppen und das Glücksgefühl einfach genießen. Ich kann nicht mehr diskutieren und guten Gewissens Recht haben wollen. Ich kann mich nicht mehr beschreiben, ohne zu ahnen, dass das nicht geht.

Anders als ich angenommen hatte verschafft mir all das aber keine Freude oder Frieden, sondern macht sehnsüchtig nach diesem Opium des Alltags, nach Orientierung und Sicherheit. Vorher war es einfacher.

Ganz sicher, ob es nicht doch im Wesen des Menschen begründet liegt am Honig des Selbstentwurfs kleben zu bleiben, bin ich mir langsam nicht mehr.

 

17 thoughts on “Leer werden tut weh

  1. ach liebe cali, sei willkommen im club🙂 und laß dich mal dolle drücken, wenn du magst. das fühlt sich absolut sch… an, wenn das ego angst um sein überleben hat, oder? und es gibt für mich da nur einen ausweg, es als solches zu erkennen und sich davon nicht unterkriegen lassen. doofe worte jetzt vielleicht, aber ich versteh dich sooo gut.

    und weißt du was, wie toll deine worte sich trotz allem lesen? wie sehr ich das in diesen worten sehe, was cali noch ausmacht, was hinter all dem immer schon steckte, was du geschrieben hast, das jetzt alles nicht mehr geht. hmmm … war das jetzt verständlich, was ich in diesem schachtelsatz geschrieben hab?

    viele knuddels von mir❤

    • Liebe Kirstin, ich habe dich verstanden und es tröstet mich.

      Und trotzdem, liebe Kirstin, weiß ich manchmal nicht, ob wir uns in all unseren guten Vorsätzen nicht verheddert haben, zu viel wollten und uns am Ende selbst im Weg stehen. Ist nicht der Anspruch etwas „besser“ zu machen auch schon wieder ein egoistischer Gedankengang, der einen von anderen Menschen abzugrenzen versucht?

      Das einzige, woran es nichts zu zweifeln gibt ist, dass es tatsächlich nicht gut und „normal“ sein kann im Lästern, im Shoppen, im Recht haben Erfüllung zu finden, so wie es nun mal etliche Menschen empfinden. Das macht wie man es dreht und wendet Sinn. Ob aber die gänzliche Aufgabe des Egos zur Abschaffung dessen nötig ist…ich weiß es nicht.

      Bis bald, du Blitzschnellkommentatorin,

      deine Cali

    • liebe cali,

      ich glaub nicht, daß der wunsch, es besser machen zu wollen, egoistisch ist. denn du machst es doch nicht für oder gegen die anderen. du machst es doch, weil du es selbst für dich so beschlossen hast. du hast für dich erkannt, daß dir etwas nicht mehr gefällt, wie du es früher gemacht oder erlebt hast. und das möchtest du ändern. weil es sich für dich nicht mehr stimmig anfühlt, vielleicht nicht mehr zu dir passt. dir vielleicht die sicht auf dich selbst versperrt. aber was hat das mit den anderen zu tun?

      und wie die anderen hier geschrieben haben, das heißt ja nicht, daß du jetzt perfekt sein mußt, oder daß du mit einmal keine freude mehr am shoppen z.b. haben darfst. es geht ja nur darum, sich darüber nicht zu definieren.

      liebe grüße von kirstin

  2. Hallo Cali,

    ich muß auch lächeln und freu mich, wieder ein paar Worte von Dir zu lesen. Ich wäre glücklich, wenn ich Dir ein Rezept geben könnte, aber leider kann ich es nicht – und das ist gut so.

    Sei nicht so streng mit Dir, beobachte und genieße. Und wenn Du gerade Genuß am shoppen findest, dann shoppe! Und wenn Du mal lästern mußt, dann lästere! Beobachte Dich dabei und spüre Deinen Empfindungen nach. Du hast ein ganzes Leben lang Zeit, diese Dinge zu lernen und Dein Ego zu verstehen. Nimm es an, es ist ein Teil von Dir. Wenn Du versuchst, es abzustossen, wird es sauer und will mit Dir kämpfen. Das macht keinen Sinn, oder?

    Also, ich erinnere Dich noch einmal an die Tips von Spezzano…
    http://tinemoeller.wordpress.com/2012/05/02/das-drehbuch-unseres-lebens/

    Viel Glück und eine schöne Woche.

    Liebe Grüße
    Tine

    • Liebe Tine, schön dich zu lesen!

      Ich freue mich richtig, dass ich hier so viele Leute habe, die wissen wovon ich spreche. Ohne mich lange erklären zu müssen, versteht ihr worum es mir geht.

      Ja, ich bin wirklich zu streng mit mir. Das muss nicht sein.

      Danke und bis bald, Cali

  3. Kannst Du erkennen, dass Du nicht dieses Ich bist, das versucht, sich nicht mehr zu definieren? Dass das immer noch Dein Verstand ist, der etwas will, oder nicht will? Cali kann all diese Dinge, von denen Du schreibst, schon noch tun. Aber Du bist nicht Cali – und ich bin nicht Ralph. Die Persönlichkeit von Cali ist, ebenso wie die Persönlichkeit von Ralph, eine Illusion. Diese Transzendenz der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Identität ist Freiheit (nicht meine oder Deine, denn diese Freiheit kennt kein mein oder Dein).
    Frage Dich doch mal, wer dieses Ich ist, dem das alles keine Freude macht. Kannst Du dieses Ich beobachten? Zu sehen, dass das wieder nur der Verstand ist (der behauptet, Du zu sein), der jammert, ist so frappierend …

    Du bist schon da – nur Dein Verstand wird immer das Gegenteil behaupten, er wird immer behaupten, Du müsstest noch etwas tun (Projektion in die Zukunft). Es is sooo einfach. Du wirst einfach nur Lachen, wenn Du das mal selbst realisiert hat … dass dieses individuelle Du gar nicht existiert … dass Du und ich und alles andere eins ist (und Du wirst es niemandem erklären können :-)). Nennt sich Bodhisattva:

    Kannst Du mitlachen?

  4. Liebe Cali,
    das wird wieder besser! Du musst durch die Leere und Traurigkeit durch gehen. Dann wird es wieder heller. Schritt für Schritt, immer weiter. Du bist schon so weit gekommen… Du schaffst es!😀

    Viel Kraft wünscht Dir
    Susanne

    • Liebe Susanne, ja, man hat immer diesen Reflex die schlechteren Zeiten verdrängen zu wollen. Dabei gehen sie sicher schneller vorbei, wenn man sie einfach zulässt.

      Danke für deine Wünsche und deine Anteilnahme,

      Cali

    • Es gibt kein individuelles Ich/Du, das etwas schaffen könnte/müsste.

      Es gibt nichts zu erstreben – vielmehr bin/bist ich/Du am Ziel, wenn das Streben erlischt. Aber nicht vorher – vorher wird es für mich/Dich immer in der Zukunft sein.

      Das Streben etwas zu werden hält mich/Dich immer nur davon ab, das zu sein, was ich/Du schon von jeher bin/bist.

      In Liebe – der Liebe, die wir alle sind,
      Ralph

  5. Nachdem ich jetzt Bücher von Terzani gelesen habe mache ich mir Gedanken darüber was „DAS EGO“ eigentlich ist.
    Deshalb habe ich diese Diskussion mit Interesse gelesen.

    @Ralph: Hast du eine buddhistische Sichtweise? Mit Wiedergeburt und dem Nirvana am Ende?
    Es klingt danach wenn du sagst: „Man ist am Ziel wenn das Streben erlischt.“
    „Es gibt nichts zu erstreben.“
    Dann gibt es doch ein Ziel für dich……“das Ende des Strebens nach etwas“ zu erreichen.
    Das fragt nicht mein Ego das bei deinem Geschriebenen einen scheinbaren Widerspruch zu sehen glaubt und recht haben möchte, sondern ich möchte es einfach nur verstehn.
    .
    Ausserdem:
    „Kein Ziel mehr zu haben“, bedeutet doch eigentlich dass das Leben keinen Sinn mehr hat (was nicht zwingend etwas Schlimmes sein muss. Vielleicht ist es auch nur für das Ego-Behaftete Wesen etwas Schlimmes).
    Ohne Ego und ohne Ziele existiert doch eigentlich nur noch die biologische Hülle……überleg ich mir so. Diese Erkenntnis ist vermutlich das was einem Angst macht.

    Viele Grüße

    • Lieber „inderruheliegtdiekraft“,

      schön, dass du deine Gedanken zum Thema hier gelassen hast. Ich hoffe Ralph antwortet dir. In jedem Fall bist du herzlich Willkommen mit uns ab und an auf die Suche zu gehen!

      Viele Grüße, Cali

    • Ich sehe mich nicht als Buddhist. Ich schaue mich in den buddhistischen Schriften um, ebenso wie in den Taoistischen, den Hinduistischen, den Jüdischen, den Christlichen, …. es gibt überall Dinge, die mich ansprechen, und andere, die mich nicht ansprechen.

      Sansara ist für mich auch nur eine Geschichte … ebenso die Seele … all das sind Konzepte, ähnlich wie Modelle in der Physik. Sie helfen einem, die Wirklichkeit in manchen Aspekten besser zu verstehen – aber sie sind nicht die Wirklichkeit.

      Das Ego ist für mich der Verstand, der meint, er sei ich.

      Ich liebe Koans … soviel zum Thema Widerspruch / Paradoxon.

      Insofern gebe ich Dir recht: Das Leben hat keinen Sinn … das Leben ist der Sinn.

      Für mich gibt es kein Ziel in der Zukunft. Das Streben kann immer nur im Jetzt erlöschen. Je nach Sichtweise kannst Du auch „wenn die Idnetifikation mit dem Streben erlsicht“ schreiben. Der Verstand will immer irgend etwas – das ist sein Job. Es ist nur die Frage, ob ich mich mit diesem Verstand identifiziere. Und diese Desidentifikation gilt es zu erreichen (nicht irgendwann, sondern jetzt) und aufrecht zu erhalten (es ist ja immer jetzt). Das ist für mich der eigentliche Sinn des DaSeins … wenn man da noch von Sinn sprechen kann. Es ist ja im eigentlichen Sinn kein Tun, sondern ein Nicht-Tun. Wie schon Laotse sagte: Im Nichtstun bleibt nichts ungetan.

      Alles klar?

      LG, Ralph

      PS: Hab den Film „Das Ende ist mein Anfang“ gesehen und kann ihn nur empfehlen. Das Buch steht bei mir im Schrank, aber ich habe es noch nicht gelesen. Ist z.Z. grad nicht dran. Wenn jemand grad nach einer Buchempfehlung sucht … ich lese zur Zeit „Die Brücke von San Luis Rey“ von Thornton Wilder.

      PPS: Und ja, ich kenne den Schmerz, von dem Du – Cali – sprichst. Und es ist erst der Anfang … und Hingabe ist der Schlüssel (immer und immer und immer wieder) … Bedenke: Solang Du noch Freude und Frieden anstrebst, werden sie sich Dir entziehen.

  6. Am Honig des Selbstentwurfs kleben bleiben – das ist gut formuliert. Woher kommt denn der Selbstentwurf? Neuropsychologische Erklärungen stranden in den Untiefen nichtssagender Fachbegriffe. Aber auch das Bemühen um erhellende Metaphern bleibt nur schöne, tröstende Poesie. Ein „Selbstentwurf“, also ein Bewusstsein meiner „Selbst“ ist ein genauso unheimlich wie absolut vertrautes Ding. Ich bin’s ja, was sonst und zugleich ist da nichts. Nichts als eine Anhäufung von Geschichten, die unser Gehirn so vor sich hin erzählt.
    LG Tom

    • „Nichts als eine Anhäufung von Geschichten, die unser Gehirn so vor sich hin erzählt.“ Das wiederum hast du gut formuliert. Ist das nicht witzig? Früher war mir das absolut nicht bewusst. Und auch heute bemerkt man es längst nicht immer, aber immer öfter und irgendwie ist es echt amüsant.

      Ich freue mich mal wieder ‚was von dir gehört zu haben, Cali

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