Liebst du dich?

Eine sehr gute Freundin hat mal zu mir gesagt: „Ich will mich gar nicht selbst lieben. Man wird dann eingebildet und hochnäsig. So ein Mensch will ich nicht sein.“ Doch bedeutet sich selbst zu lieben wirklich mehr von sich selbst zu halten, als von anderen? Oder einfach nur nicht weniger?

Meiner Ansicht nach ist es ein Tabuthema außerhalb der Praxis eines Psychologen zuzugeben, dass man Probleme mit dem eigenen Selbstwertgefühl hat. Irgendwann müsse dann ‚was schief gelaufen sein. Sicher, aber bei wie vielen Menschen ist es das?

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit einem Dozenten, der ein Seminar zu Kommunikations- und Vortragstechniken leitete, gesagt, dass das Problem mit Präsentationen sehr oft mangelndes Selbstvertrauen wäre, die Angst sich zu blamieren, die Angst es schlechter zu machen als andere und dass das auch für mich gelte. „Fishing for compliments“, zu deutsch „nach Komplimenten haschen“, hat er mir dann unterstellt. Ich wolle doch nur hören, dass ich meine Sache gut gemacht hätte. Er meinte, dass man sich um sowas an der Universität nicht kümmern könne. Abgesehen davon, dass es mir darum so überhaupt nicht ging, sondern mich zu öffnen und nicht um den heißen Brei zu quatschen, fragt sich doch: Und wenn schon?!

Wenn jemand um die Anerkennung anderer ringt, subtil oder offensichtlich, ist das dann nicht immer ein Hilferuf? Kein sich selbst liebender Mensch hat das nötig. Und warum fällt es anderen so schwer demjenigen sein Bedürfnis ohne große Widerrede zu erfüllen? Möglicherweise, weil sie selbst unter dem Anerkennungsgeiz anderer leiden? Verbale Ohrfeigen werden schnell verteilt, kritikfähig zu sein ist wichtig, aber aufrichtige Komplimente sind selten. Dabei gibt es nichts Schöneres als den Blick des Empfängers einer unerwarteten Wertschätzung.

Machen wir uns nichts vor. Es gibt weniger Menschen, die mit sich selbst im Einklang sind, als jene die es nicht sind. Wer von euch kann behaupten sich selbst zu lieben, sich nicht mit Schuldgefühlen oder dem Gefühl innerlich oder äußerlich unzureichend zu sein rumzuplagen?

Mangelndes Selbstwertgefühl belastet zwischenmenschliche Beziehungen, steht einem im Weg und kann im schlimmsten Fall zu Depressionen führen. Hinzunehmen ist es so oder so nicht. Ein Anfang wäre dazu zu stehen, dass man sich manchmal selbst nicht mag.

12 thoughts on “Liebst du dich?

  1. Liebe Cali, schöner Beitrag….und doch so traurig. Selbstliebe ist sooo wichtig, denn wenn man sich selbst nicht gut findet, dann geht man automatisch davon aus, daß andere einen auch nicht gut finden….und meist zieht man das negative dann auch an. Die Leute gehen weniger auf einen zu. Vielleicht strahlt man es aus. Wenn man sich selbst blöd findet sendet man bestimmt ein Signal aus…und dann finden auch die anderen Dich doof und Du bekommst es ab….und damit hast Du die Bestätigung das Du doof bist….ein Teufelskreis….aber woher Selbstliebe nehmen? Man muß sich Ziele setzten, man braucht Erfolge. Ganz egal welche. Unabhängig von Komplimenten anderer….aber das ist so einfach gesagt…..

    • „Man muß sich Ziele setzten, man braucht Erfolge. Ganz egal welche.“ Das stimmt. Irgendwann hilft auch der größte Optimismus nichts mehr, man braucht einfach Erfolge. Sie müssen nicht groß sein, nicht offensichtlich, aber vorhanden. Sehr wahr, liebe Mascha. Es geht um das, was wir hinterlassen.

  2. hallo liebe cali, also ich stehe sogar soweit zu mir, daß ich sage, daß ich mich bis vor einiger zeit überhaupt selbst nicht mochte. ja, nicht mal wirklich wahrgenommen hab. geschweige denn, daß ich etwas toll gefunden hätte, was ich mache. das kommt erst jetzt so. und doch ist immer noch keiner erstaunter als ich, wenn ich ein lob bekomme. na ja, und denn geht es auch gleich los mit sofort abwiegeln. … ach, ist ja nichts, hätte jeder andere auch gekonnt …
    aber ich bleib da dran. denn ich merk ja, wie schön das sein kann, mich selbst zu lieben. dazu gehört natürlich wirklich, sich selbst erst mal einzugestehen, daß man überhaupt da ist. und das war es immer, daß ich nie hier auf der welt sein wollte. seit ich kleines kind war, schon nicht. wie also sollte ich mich da noch lieben.

    liebe grüße von kirstin

    • Liebe Kirstin, gerade, wenn man es in der Kindheit nicht gelernt hat sich selbst zu lieben oder wie bei dir so ganz im Gegenteil braucht es viel Zeit und Kraft es zu lernen. Es ist ein langer Prozess. Vllt der wichtigste im Leben. Da stimmst du mir sicher zu. Viele Grüße an dich, du fleißig Übende!

  3. Zu sich selbst zu stehen und sich selbst zu mögen ist manchmal ganz schön schwer. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich Dinge mache, die ich total blöd finde… Aber mit zunehmendem Alter stehe ich immer mehr auch zu meinen Marotten. Trotzdem bekomme ich total gerne Lob und freue mich immer noch, wenn ich z.B. selbst gemalte Bilder von kleinen Schülern bekomme😉
    LG von Rana

    • Liebe Rana, du meinst du machst Fehler oder du machst Dinge, die du gar nicht machen willst, weil andere es z.B. erwarten? Beides sind Dinge, wegen denen man sich mies fühlen kann. Aber ich merke deinem Blog an, dass du viele deiner Eigenheiten zelebrierst und das ist ganz toll. Deshalb lese ich gern bei dir.

    • Oh Gott, ist das schön! Das Highlight des Tages. Darf ich dir die Idee stehlen? Ich überlege wirklich den Header nochmal zu überarbeiten, weil ich das soooo schön finde.❤

    • Du bist ja die Inspiration, also gehört sie dir🙂 .Irgendwie komme ich immer wieder zu dem Ergebnis, dass die richtigen und wichtigen Dinge die allereinfachsten sind. ((Und das ist für mich manchmal gar nicht einfach und ich wundere mich über meine Umwege zu bestimmten Zielen.))

  4. Guten Abend Cali,

    dem kann ich nur zustimmen. Ich kann auch noch ergänzen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Derjenige, der sich nicht selbst lieben kann, kann auch andere nicht in diesem Maß lieben, achten vielleicht schon, aber nicht lieben.

    Viele Grüße

    Monika

    • Liebe Monika, so ist es bestimmt. Zumindest sagen das viele kluge Leute. Allerdings liebe ich Menschen in meinem Umfeld schon bedingungslos, obwohl ich mich selbst nicht immer so gern hab‘. Vllt irre ich mich aber auch in dem einen oder dem anderen Punkt. Viele Grüße auch an dich, Cali

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