Ich habe nie jemanden getroffen, der nichts kann

Die erste Woche des Praktikums ist rum. Und ich habe überlegt, ob ich euch mit der Überschrift „Geld regiert die Welt“ langweilen soll oder nicht. Ich habe mich dann dagegen entschieden. Wir müssen ja nicht zum einemillionsten Mal mal Sternzahl (Kennt ihr das noch?) duchkauen, was wir alle längst wissen. Es wird Zeit von der Analyse zur Umsetzung zu kommen.

Am Arbeitnehmer liegt’s nicht

Egal, wo ich bisher gearbeitet habe, Gastronomie, öffentlicher Sektor, Einzelhandel, kulturelle Einrichtung, habe ich Mitarbeiter getroffen, die ich selbst einstellen würde. Die deutschen Arbeitnehmer, insbesondere die Jungen, sind fleißig, ehrlich und aufopfernd. Bis sie desillusioniert nur noch mit Sparflamme heizen. Dann werden sie zu brubbelnden Alten, die die Tage bis zur Rente zählen.

Was ich noch nie getroffen habe, war eine Führungspersönlichkeit, die ihre Menschlichkeit nicht für Beförderung und Gewinnmaximierung verkauft hätte. Es ist überall das Gleiche. Doch auch der Chef hatte mal Visionen. Bis er Chef wurde.

Arbeitnehmer werden ausgebeutet, ignoriert, missachtet und das vielleicht nicht mal absichtlich. Dass die eigentliche Tätigkeit im Angesicht ständiger Frustration, schwerfälliger Arbeitsabläufe und Egotripps Einzelner leidet, müsste nicht erwähnt werden. Innere berufliche Erfüllung anzustreben erscheint schon ketzerisch, wenn man mit Schlafmangel aufgrund unbezahlter Überstunden kämpft.

Heißes Thema: Die 30-Stunden-Woche

Eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich würde die Menschen sicher glücklicher machen. Ich hoffe, darüber gibt’s nichts zu diskutieren. Doch welch‘ Wahsinn findet Karl Brenke, Konjunkturexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Die nicht zu erwartende Effizienzsteigerung kaum oder unqualifizierter Arbeitnehmer könnte den vollen Lohnausgleich nicht stemmen.

Jeder kann ‚was

Was heißt „niedrigqualifiziert?“ In jeder Hinsicht? Für jede Arbeit? Ich habe Leute getroffen, die Wörter so falsch geschrieben haben, dass man sie nicht mehr entziffern konnte. Ich habe Leute getroffen, die auch nach der dritten Erklärung und schriftlicher Anleitung noch immer keine E-Mail verschicken konnten. Aber ich habe nie jemanden getroffen, der nicht in irgendwas besser war, als andere. Nie. Jeder kann etwas, dass dieser Gesellschaft zugute kommen könnte.

Dass die 30-Stunden-Woche im jetzigen Denk- und Wirtschaftssystem nicht funktionieren würde, ist wahrscheinlich. Nun kommt die Preisfrage, aber nur für die Fachkräfte: Was war zuerst da? Lahmes Huhn oder faules Ei?

Es wird Zeit. Für mich vor allem für die Praxis. Jetzt werden mal die Ärmel hochgekrempelt.

Bis bald, Eure Cali

7 thoughts on “Ich habe nie jemanden getroffen, der nichts kann

  1. Das kann ich nachfühlen. Für mich ist wichtig, dass ich mir den ganzen Gesellschaftsmorast immer wieder gründlich aus dem Gedankenfell schütteln kann. Bestens geeignet ist dafür beispielsweise die saubere Art von Vera F Birkenbihl, die Dinge klar und unverstellt auf den Punkt zu bringen.

    • Du bist eine wandelnde Bibliothek, oder? Eigentlich müsste ich all deine Empfehlungen mal zusammenfassen. Vllt eine Idee für das Off-Topic?

    • Ja, für dich wäre es nicht mehr so spannend, aber für alle anderen vllt. Mit so tollen Tipps zu jedem Thema kann mein Bücherregal leider nicht aufwarten. Lesertipps gehen einfach schnell verloren in den Kommentaren sobald ein neuer Beitrag kommt.

    • Da hast du wohl recht. Bei der Fülle an Infos heutzutage brauche ich mein eigenes Knowledge Management und dazu kommt noch der Aufwand, alles auch einzugeben, zu pflegen/aktualisieren. Sascha Lobo sagte mal sinngemäß, dass man im Internet alles oder auch nie wirklich was passendes finden könne. Es kommt auf den eigenen roten Faden an. Hier rollst du dein Gedankengarn aus und wenn ich am Rande ab und an was beisteuern kann, freue ich mich🙂 .

  2. liebe cali,

    das schlimme an deinen texten ist für mich immer, daß ich selten was kommentieren kann, weil ich sie einfach nur großartig finde. und meistens erstmal von deiner art, von deiner ausdrucksweise, von deinem mut völlig hinten über kippe. und denn denk ich jedes mal: genau das ist es doch, warum hab ich früher das so nicht getan, das so benannt.

    okay, sicher hat unsere generation den weg mit bereitet. aber ich bin froh, daß ich so viele junge leute wie dich kenne, die jetzt echt die klappe aufmachen und die dinge benennen, wie sie sind. danke für euren mut und euer ganzes dasein.

    mal einmal ganz viele knuddels, wenns recht ist, von kirstin

    • Klar ist’s recht! =) Du bist so lieb, Kirstin. Auch dieser Zuspruch hält den Blog und meine Träume am Leben. So ganz ohne das Feedback anderer geht’s einfach nicht. Dann fängt man zu zweifeln an und so fühle ich mich auf dem richtigen Weg.

      Ich glaube, alles hat seine Zeit. Man kann sie nicht vordrehen. Du benennst es doch jetzt sehr aktiv und natürlich hat deine Generation gesät, was vielleicht erst heute fruchtbar wird. Und vllt werde auch ich nie den Wandel miterleben, den ich mir so sehr wünsche. Aber ich kann meinen Beitrag leisten. Einen Blog schreiben, mich mit anderen Menschen unterhalten, mich so achtsam und rücksichtsvoll wie möglich verhalten und mich bilden.

      Alles ist gut! Ich danke dir für deine Treue und schicke eine feste Umarmung zurück! Cali

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