Kaffee, Kuchen und eine unheilvolle Offenbarung

Was soll ich euch sagen? Die harten Tage sehen morgens oft ganz harmlos aus. Als ich Samstagmorgen aus dem Fenster gesehen habe, war besseres Wetter als erwartet und die Aussicht auf Kaffee und Kuchen bei Freunden eine schöne.

Gut, ein bisschen unwohl war mir vor dem Treffen schon. Sie hatten mich zur Trauzeugin ernannt und die Angst vor zu viel Verantwortung, und in Zeiten meiner Bachelorarbeit, auch vor zu viel Arbeit schwang ein bisschen mit, als ich klingelte. Wenn das doch nur alles gewesen wäre, wovor ich mich hätte fürchten müssen.

Hätte ich mich an diesem Nachmittag an folgende zwei Regeln gehalten, wäre die Welt in meinem Kopf noch ein bisschen besser, ein bisschen berechenbarer, ein bisschen intakter als sie es jetzt ist:

1. Gib dich nie der Gewissheit hin zu glauben du würdest jemanden wirklich gut kennen!

2. Sprich mit Freunden nie über Religion oder Politik!

Ich habe beide Fehler gemacht. Ich weiß gar nicht mehr so genau wie wir darauf gekommen sind. Bestimmt war es nur ein dummer Zufall, eine Verkettung ungeordneter Gesprächsfetzen. Und plötzlich war es draußen. Ich wusste nicht, ob ich sofort den Raum verlassen, die Freundschaft, die Hochzeit und das alles sofort abblasen oder wortlos eine Ohrfeige quer über den Tisch verteilen sollte, als sie sagte: „Ja, na und? Ich steh‘ dazu, dass ich die NPD wähle.“

Seit langem haben mich Menschen nicht mehr so sehr enttäuscht wie vergangenen Samstag. Ich schwöre, man sieht es ihnen nicht an. Mit ihm habe ich einer Band gespielt, mit ihr über Babysachen und Brautkleider philosophiert, sie tragen linksalternative Marken und hören Punkrock und finden trotzdem, dass die NPD ein gutes Wahlprogramm hat.

Fast hätte ich vor Wut am Tisch geweint. Nur meine Hoffnung in dieser „Phase“ ein guter Einfluss sein zu können hat mich auf diesem  Stuhl gehalten. Nur meine Erfahrung, dass lange und energische Überzeugungsarbeit in solchen Fällen nichts bringt, hat mich sachliche Sätze formulieren lassen. Nur das Kennen ihrer Schwächen und Motive hat mich ihre Freundin bleiben lassen.

Sie sind ganz normale Leute. Junge Eltern, mit Arbeit und Hobbies. In ihrem Bücherregal liegt Sarrazin. Und gleich daneben ein Ratgeber über’s Auswandern. Sie sind nicht dumm, nur nicht klug genug, um für ihre Probleme selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie glauben die NPD hätte nur ein schlechtes Image, aber gute Ideen. Sie sind keine Nazis. Sie wissen es nur nicht besser. Hoffe ich.

7 thoughts on “Kaffee, Kuchen und eine unheilvolle Offenbarung

  1. Woahhhh – in deiner Haut hätte ich nicht stecken mögen. Neigt sich das Boot nach links, lehnen sich viele automatisch nach rechts … Lupo Cattivo schrieb vor einiger Zeit: „Wenn Wissen Macht ist……dann ist Unwissen OHN-MACHT“. Aber der Weg ins Internet ist nicht weit und Aufklärung schnell errreichbar („Der Honigmann sagt“, „Alles Schall und Rauch“, „Maria Lourdes“, „lupocattivo“ undundund). Da kommt es nicht so sehr auf die Vorbildung als vielmehr den Willen an, seine Position mal zu hinterfragen. Das ist dann für mich eine Haltung, auf die ich aus Handlungen schließen kann.

    • Ja, natürlich steckt Verquemlichkeit dahinter, wenn man Verantwortung lieber an Schwächere abgibt, anstatt differenzierte Auseinandersetzung zu betreiben. Hinzukommt aber auch ein Versagen der politischen Bildung, gerade auf Nicht-Gymnasien.

      Selbst, wenn ich Groll im Bauch hätte, wäre ich immer davon überzeugt, dass das der falsche Weg sein muss. Diese Erkenntnis scheint sich nicht entwickelt zu haben.

  2. Politik und Religion sind eben doch absolute Tabuthemen, die möglihst außenvor gelassen werden, um andere möglichst nicht zu echauffieren. Aber in dem Fall finde ich es wirklich gut, dass ihr drüber geredet habt. Dieses Schweigen zur eigenen Meinung verstärkt rechtspopulistische Gedanken vermutlich und nichts hilft so sehr dabei, diese Meinungen zu hinterfragen wie das offene Gespräch.
    Also: Bleib dran, Cali!

    • Danke für die Ermunterung! Ich bleibe dran.

      Ja, wahrscheinlich ist es „gut zu wissen“, auch wenn man es lieber nicht gewusst hätte. Ein bisschen paradox. Dass das offene Gespräch der einzige Weg zu echter Aufklärung ist, meine ich auch. Deshalb bin ich, obwohl ich erst skeptisch war, doch ganz froh, dass die NPD in diesen Tagen nicht verboten wurde. Geändert hätte das an dem Gedankengut nämlich nichts, sondern hätte nur den falschen Leuten neuen Zündstoff gegeben.

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