Loslassen gegen einen neuen Nationalismus

Nach dem sehr ernsten Thema im letzen Beitrag soll es heute mal wieder beschämend trivial werden. (So wollte ich den heutigen Beitrag eigentlich anfangen)

Dann kam es anders:

Übrigens habe ich mich nach meinen Wochenendschocker ein bisschen näher mit der Materie befasst und kann nur nochmal betonen, dass meine „Freunde“ kein Einzelfall sind. Die Reaktionen im Internet auf die angebliche Salafistengefahr spricht Bände. Überstanden ist da gar nichts. Man muss es nicht dramatisieren, schließlich gibt es auch einen riesigen Teil der Jugend, der ganz selbstverständlich und gern multikulti lebt. Aber rechtes Gedankengut ist in Deutschland nicht ausgestorben.

In den 90igern war das Neonazi-tum eine Art Jugendkultur. Abgrenzung und Aufbegehren standen im Vordergrund. Heute handelt es sich eher um einen neuen Nationalismus, der sich sehr gut anzupassen weiß und äußere Attribute, wie Springerstiefel und Glatze, nicht mehr nötig hat. Das macht ihn gefährlich und schwer greifbar. Meine Begegnung ist das beste Beispiel hierfür. Nazi sein ist out, stolz auf Deutschland sein unheimlich in. Und genau da liegt das Problem.

Durch die lange Zeit des Aufarbeitungsprozesses in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die vielen Gesten und Zeichen, die Deutschland aus Schuldbewusstsein und auch für ein besseres Image im internationalen Gefüge, setzen musste, zeigen sich viele Deutsche genervt und gereizt. Man will sich nicht mehr entschuldigen, weil man 30, 40 oder 50 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft geboren wurde.

Und das kann ich verstehen. Die ewige Schuldfrage und der Bückerling, im Angesicht der Gräueltaten, die jede Nation in ihrer Geschichte begangen hat, heizt das Bedürfnis nach Behauptung an. Und das schlägt bei zu vielen Menschen in Nationalismus um.

Es wird Zeit Verantwortung zu tragen ohne sich durch diplomatische Arschkriecherei im internationalen Vergleich unterzuordnen. Deutschland ist nicht rechter als andere Länder. Die meisten von uns leben Toleranz und Anerkennung ganz selbstverständlich, niemand muss uns dazu anhalten, sondern sollte sich an die eigene Flagge fassen.

Ich habe etwas gegen Identifikation, also auch etwas gegen Nationalstolz. Gegen italienischen, deutschen, amerikanischen und jeden anderen Nationalstolz. Aber ich halte auch nichts von Schuld, sondern glaube an Vergebung und an die Kraft des menschlichen Herzens und Verstandes. Nicht mehr und nicht weniger sollte für ein friedliches und respektvolles Miteinander garantieren- überall auf der Welt.

Eigentlich wollte ich heute irgendwas von Haarfarbe rauswachsen lassen schreiben, aber das verschiebe ich in das Off-Topic. Irgendwie ist mir gerade doch nicht nach Trivialität.

10 thoughts on “Loslassen gegen einen neuen Nationalismus

  1. Dein letzter Artikel hat mich auch sehr aufgerüttelt. Mit großer Naivität gehen viele sehr junge Menschen mit menschlichen Werten um und entdecken einen fragwürdigen Nationalismus. Ich denke, da müssen wir alle „gegenhalten“ und uns gute Argumente gegen solches Gedankengut zurechtlegen, damit wir dann gewappnet sind. Ich bin leider oft sprachlos in solchen Momenten wie dem von dir geschilderten! Herzlich grüßt Rana

    • Stimmt, ich war auch sprachlos.

      Mir sind nur Appelle an den Verstand der beiden eingefallen, politisch konnte ich gar nicht diskutieren, weil die Gefahr ausfallend zu werden ziemlich hoch war. Ich kann sehr hitzig werden, wenn mich etwas wirklich ärgert und dem habe ich vorgezogen lieber wenig zu sagen als in die Vollen zu gehen.

  2. Ich finde stolz auf Deutschland sein nicht schlimm. Das Deutsche Volk hat sich wirklich viele Jahre lang angehört, welche Fehler es begangen hat. Und wenn ein bestimmter Staat Hilfe braucht, dann ruft er Deutschland einfach an und reibt ihm seine Fehler auch heute noch unter die Nase, schließlich sei Deutschland ihm das ja schuldig. Finde ich absolut falsch und noch schlimmer, dass sich Deutschland damit auch noch weichklopfen lässt.
    Was ich allerdings schlimm finde, wenn man fremdes nicht toleriert. Dann ist eben der eine stolzer Deutsche und der andere sagen wir mal stolzer Türke. Warum sollte das nicht zusammenpassen? Solange man es sportlich und fair angeht funktioniert alles. Man braucht nur Respekt und Toleranz für den Gegenüber.

    • Das mit der Identifikation und dem damit einhergehenden Stolz ist so eine These von mir. Identifikation ist für mich Begrenzung seiner selbst und Abgrenzung von anderen. Wenn man sich allerdings so verhalten würde, wie du schreibst, dann wäre das in Maßen ja noch absolut im Rahmen. Leider können das nur wenige.

      Ansonsten sehe ich das genauso wie du.

  3. Also ich denke ja schon, dass Deutschland eine Demutshaltung nach wie vor gut stehen würde. Natürlich habe ich selbst nichts Direktes mit den Fehlern meiner Großelterngeneration zu tun. UNd trotzdem. Waffenexporte, Kriegebeteiligung… es gibt Dinge, die ein Land generell lassen sollte.
    Ich liebe mein Land – aber stolz bin ich auf keinen Fall.WIrklich nicht. Dafür sehe ich zu sher di Fehler, die heute begangen weden. Dazu sind nicht einal die Fehler der Vergangenheit nötig.

    • Oh ja, aber das ist nochmal ein anderer Punkt. Ich finde auch, dass die Deutschen viel zu schlecht über den Dreck, den das Land auch in der Gegenwart am stecken hat, informiert sind. Aber demütig sollte man sich deshalb gegenüber anderen Ländern nicht zeigen müssen, denn bei denen ich es haargenau das Gleiche.

      Demut würde der Menschheit insgesamt und kollektiv mal ganz gut tun, Demut nicht wegen politischer Ziele, sondern einfach aus dem Bedürfnis heraus. Das ist wahrscheinlich der Unterschied.

      Und trotzdem muss man auch die positiven Entwicklungen in Deutschland anerkennen, die nicht wenige sind. Wir haben vielen Nationen etwas voraus, einigen hinken wir hinterher. Aber die Energiewende halte ich zum Beispiel für einen Durchbruch, auch wenn unheimlich viel daran rumgezerrt wird.

  4. Ich bin ja seit einiger Zeit in der Welt unterwegs und werde immer mal wieder gefragt, wie es uns Deutschen denn gefällt, so eine große Rolle in der EU zu spielen. Mein politisches Wissen ist quasi nonexistent, deswegen kann ich nur sagen, was ich selbst fühle.
    Ich ärgere mich oft, dass wir immer der Retter sind, vermeintlich aus Wiedergutmachungsgründen, vermeintlich, weil wir es „können“. Ich habe mich ebenso geärgert, als ich gesehen habe, dass Griechen die deutsche Flagge verbrennen und protestierende Zyprioten/Zyprier/Zyprer ein Bild von Angela Merkel samt Hitlerbart in die Kamera halten. Wo bleibt der Zorn gegen die eigene Regierung, die es offensichtlich vermasselt hat? Sollen sie doch zusehen, wie sie ohne Hilfe klarkämen, denke ich mir manchmal …
    Andererseits offenbaren sich mir hier im Ausland auch die durchaus positiven Wahrnehmungen, die andere Nationen von Deutschen haben: pünktlich, ordentlich, zuverlässig, freundlich, höflich und vor allen Dingen wird unsere Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft von allen Menschen gelobt!
    Irgendwann krieg ich das mit meinem Politikwissen auch noch in den Griff …

    • Vielleicht ist es mal ganz gut wenig politisches Wissen zu haben. Menschenverstand und -herz reichen ja auch völlig aus, um die Dinge richtig einzuordnen.

      Ja, ich bin auch oft geschockt, wenn ich in den Nachrichten sehe welchen Ruf Deutschland, auch im Zuge der Eurokrise, bekommen hat. Da fehlt einfach Aufklärung und das auch in Deutschland, denn die Deutschen stehen genauso wenig zu den Entscheidungen Frau Merkels und Co. Sie denken nicht weiter, als es ihnen in die Karten spielt und vermuten hinter jeder politischen Handlung einen persönlichen Boykott an ihrem Leben. Dabei ist die ganze Sache so komplex, dass darüber nicht mal „schnell“ geredet oder geurteilt werden kann.

      Klar, das kriegen wir hin mit dem Politikwissen.😉

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