Peinlicher als Haare unter den Armen ist vorschnelles Urteilen

Kurz- kürzer als ein Augenaufschlag- sind die Momente, in denen ich ganz plötzlich klar sehe. Glasklar.

Wie die gelben, langen Strahlen der Sonne durch ein Wolkenloch, bricht eine Erkenntnis durch die harte Kruste sich immer wiederholender Gedanken. Und bleibt stecken. Ich kann sie nicht halten. Verloren im Wust lebenslang eingebrannter Vorbilder, Ermahnungen und Konventionen verglüht der Funke so schnell wie er entstand.

Heute erwischte es mich auf dem Treppenabsatz. Eiskalt oder siedendheiß. Plappernd wie ein Rohrspatz über diesen unmöglichen Nachbarn, der immer für drei Autos parkt.

„Der optimale Winkel ist 45°. Dann passt die maximale Anzahl Autos nebeneinander. Aber nein. Er steht auf meiner imaginären Autouhr stets und ständig im 90°-Winkel und korrigiert sogar nochmal nach, sollte dem einmal nicht so sein. Er kommt dafür sogar nochmal runter, nachdem er die Einkäufe nach oben getragen hat! Er stielt der arbeitenden Bevölkerung im Feierabend bewusst Parkraum und Zeit.“

Als ich vom Treppenabsatz nochmal kopfschüttelnd einen Blick aus dem hübschen Fenster im Treppenhaus auf den blitzeblanken Opel Astra werfe, fällt mir auf, dass eines seiner Rücklichter anders aussieht als das andere. Und in diesem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Wer würde sein Auto nicht lieber so in die Parklücke stellen, dass der „Hintern“ nicht noch einen halben Meter auf die Straße ragt, wenn einem erst letztens jemand das Rücklicht abgefahren hat?

Geschämt habe ich mich. Sehr geschämt.

Und für was schämen sich die Menschen alles? Für fettige Haare und unrasierte Beine, für Bauchfett und wenig Geld, für fehlendes Allgemeinwissen und einen schlechten Job, für unerzogene Kinder und Männer, aber nie für ihr Urteil über den anderen. Denn das ist ja gerechtfertigt.

Pah. Das ist es nie. Und ich werd’s mir hinter die Ohren schreiben. Bis ich dem nächsten Parksünder, unfreundlichen Verkäufer, arroganten Nachbarn oder sonstwem begegne zumindest.

Kommt gut in eine urteilsfreie Woche!

Eure Cali

13 thoughts on “Peinlicher als Haare unter den Armen ist vorschnelles Urteilen

    • Klar, gibt es auch (Fehl-)Verhalten, das nicht so leicht nachvollziehbar ist. Aber auch hier liegt die Betonung auf „nicht so leicht“. Irgendwelche Beweggründe wird der andere haben und diese zu ignorieren oder als unzureichend zu bezeichnen steht einem anderen Menschen nicht zu, denke ich. Man steckt eben nicht drin.

  1. eigentlich urteilen wir doch immer nur über uns selbst … was wir am anderen doof finden, ist doch meist in uns selbst auch vorhanden. und da finden wir es genau so doof. und das ist eben ganz schön doof, immer so zu sehen.

    liebe grüße von kirstin

    • Kirstin! Dein Bild ist verändert. Kannst du dich nicht mehr einloggen? Naja, alles ändert sich eben, ne?😉

      Ich denke, das stimmt. Aber mir ist diese Erklärung oft zu abstrakt. Sie ist für mich mehr Theorie als tatsächliches Verständnis. Solche Situationen sind für mich viel lehrreicher als diese „Floskeln“, die viele kennen, aber kaum jemand innerlich wie äußerlich beherrscht. Sie machen mich einfach nicht „klüger“. Ich muss es fühlen, so wie gestern.

  2. Hey Cali,
    ich kenne das. Ich habe auch oft viel zu schnell geurteilt und gemeckert, aber ich wage zu hoffen, dass ich auf dem Wege der Besserung bin. Ich selbst wurde oft Oper solcher Meckerattacken (Mobbing nennen es viele), und sollte es daher eigentlich besser wissen. Mir fällt es oft schwer, in größeren Gruppen nicht einfach den Gruppenkonsens zu unterstützen und ebenfalls über irgendetwas oder jemanden loszuwettern. Aber wie du schon sagst: man kennt die Gründe nicht und man sollte nicht urteilen, bis man nicht mindestens ein paar Kilometer in den Schuhen von anderen gelaufen ist – oder im Auto vom Nachbarn gefahren ist😉
    Arbeite weiter an dir, du verbesserst die Welt!🙂 Kaja

  3. Nun, man schämt sich eben nur für Dinge, die andere Menschen an einem komisch finden könnten. Vorurteile existieren zunächst einmal nur im Kopf. Und wenn man sie äußert, ist man voll konsensfähig. Gegen Vorurteile zu reden: das würden andere Menschen verutlich eher als komisch empfinden, so dass sich viele wohl eher für eine Vorurteilsfreiheit (=Naivität?) schämen würden als für ihre Vorurteile.

    Aber es ist auch schon verdammt hart, sich bei jedem Urteil lange genug Zeit zu lassen. Irgendwelche Kategorien hat vermutlich jeder im Kopf…

    • Klar, hat jeder diese Kategorien im Kopf. Man hat es ja auch nicht anders gelernt. Aber man sollte immer am Ball bleiben sie abzubauen, sich schneller dabei zu ertappen und sich selbst zu korrigieren. Und im Zweifelsfall später in der Lage sein sich zu entschuldigen.

    • Manchmal hat man auch einfach nicht wirklich viel Zeit zum Urteilen! Im Gespräch muss man seine Meinung quasi schon parat haben, da kann man nicht mal eben eine Denkpause einlegen. Das find ich ziemlich schwer😉

    • Das verstehe ich. In diesen Fällen sollte man vielleicht ganz einfach ehrlich sein und sagen „Dazu kann ich jetzt nichts sagen. Ich kann es nicht beurteilen.“ Manchmal bricht das das Gespräch schlagartig ab, weil der andere Zustimmung erwartet hat. Aber das sind eben die Opfer, die man bringen muss, damit mehr Leute verstehen, dass be-/verurteilen von anderen Menschen kein lustiger Zeitvertreib ist, sondern negative Impulse setzt, denke ich.

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