Freunde tötet man nicht

Wenn mein Freund morgens aus dem Haus ist, dann dauert es nicht lang bis ich neben mir vorsichtiges Tapsen wahrnehme. Die Matraze schwankt hin und her und irgendwas kämpft mit dem aufgewühlten Bettzeug. Dann lässt Rüdi sich schwer auf meinen Arm fallen und schmiegt seinen Kopf an meinen. Er streckt sich und lässt seine Pfote über mein Gesicht gleiten, als würde er sagen „Mach‘ die Augen ruhig nochmal zu“.

Als wir da heute Morgen so lagen, konnte ich seinen Atem hören, wie er ruhig ein- und ausströmte. Genau wie meiner. Dieser Kater rehabilitiert mich. Mir wurde klar, dass er nicht mein Kuscheltier oder Babyersatz ist, sondern ein eigenständig fühlendes Lebe-wesen. Genau wie ich und der Mensch, der eben noch neben mir gelegen hatte. Er ist uns ebenbürtig. In jeder Hinsicht.

Ich liebe dieses Tier, wie einen Freund. Das mag so sentimental klingen. Aber so ist es. Niemals könnte ich ihm bewusst etwas Schlimmes antun. Es zerreißt mir schon das Herz, wenn er in seiner Transportbox auf dem Weg zum Tierarzt fleht, wieder frei gelassen zu werden. Er kann flehen, bitten, weinen, erzählen und lieben.

Ich verstehe immernoch, dass Menschen Fleisch essen. Das reine Essen ist auch nichts Verwerfliches, finde ich. Auch das kann das Tier ehren, wenn es denn vorher auf „natürlichem“ Wege zu Tode gekommen ist. Aber so funktioniert das in unserer Gesellschaft nicht.

Wir fressen ChickenWings, Hähnchenbruststreifen und Schinken bei jeder Gelegenheit. Ohne uns nur einmal bewusst zu machen, was dafür passiert sein muss:

Wir haben töten lassen.

Wir haben fühlende Lebe-Wesen töten lassen.

Wir haben sie grausam töten lassen. Dabei fühlten sie Todesangst und Schmerz. Wer schon mal wirkliche Todesangst oder andere lebensfeindliche Ängste hatte, der ahnt, was das bedeutet.

Man tötet Freunde nicht. Und wenn das nichts mit Liebe zu tun hat, dann mit unseren hoch geachteten Manieren.

9 thoughts on “Freunde tötet man nicht

  1. Schöne Schlussfolgerung! Ich kann zwar nicht ganz auf Fleisch verzichten, aber wir essen insgesamt sehr wenig.
    Und mit meinem Kater geht es mir wie dir mit deinem. Gerade heute früh kam er beim Aufwachen direkt wieder zu mir, stellte sich auf meinen Bauch und wollte eine Menge Streicheleinheiten. Ihm könnte ich nie irgendetwas Schlechtes antun.

    • Ja, euch beiden sieht man das auch an. Er ist ja nicht umsonst dein Blogmaskottchen.

      Ich habe auch gedacht, ich könnte nicht darauf verzichten. Aber eigentlich wollen es andere nicht und das war für mich einfach der Maßstab. Heute traue ich mich für mich allein zu entscheiden. Und es hat sich gezeigt: Ich kann.

      Alles Gute, liebe Janavar!

  2. Das war schön geschrieben und ich gebe Dir absolut Recht! Das zusammenleben mit meinem Vegetarier hat mich dafür auch mehr sensibilisiert. Wenn ich auch nicht ganz aufhören kann so ist es doch recht selten auf unserem Speiseplan!

  3. Du hast recht, liebe Cali. Ich wollte mit dem Fleischessen auch aufhören. Aber ich bin ehrlich…es fällt mir schwer. Aber ich versuche wenig zu essen.

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