Einfache Theorie, schwere Praxis

Meine lieben Leser,

die Uni schmeißt mich momentan zu mit Lesestoff, den ich heute morgen zwischen Frühstück und Türläufer mal angegangen habe.

Mir kam also ein Text von Friedemann Schulz von Thun zwischen die Finger – „Miteinander reden/ Störungen und Klärungen“. Klingt interessant, ist es auch. Und wie. Wie die Überschrift schon verrät geht es um die zwischenmenschliche Kommunikation und darum wie man wissenschaftliche Ergebnisse zu ihr nutzen kann, um im Alltag besser und konfliktfreier kommunizieren zu können. In einer sehr persönlichen Passage schreibt Schulz von Thun: „Während sich der Fortschritt der gedanklichen Einsichten in Siebenmeilenstiefeln vollzieht, folgen die Gefühle und das Verhalten noch dem alten Trott und kommen nur im Schneckentempo, Millimeter für Millimeter, hinterher.“ (S.12) Haargenau so geht es mir auch.

Es erschreckt mich wie groß der Einfluss durch Gewohnheit sein kann. Ich selbst bin nur in sehr begrenztem Maße in der Lage meine eigenen Erkenntnisse oder Ergebnisse in Taten umzusetzen. Theoretisch kann ich viel erklären, es analysieren und beschreiben, aber wenn es dann an die Praxis geht, schleichen sich noch viel zu oft unliebsame Verhaltensweisen ein. Zu schnell gereizt, zu schnell persönlich betroffen, zu schnell urteilend, zu kurzsichtig. Puh, ich sage euch, es gibt noch viel zu tun.

All das, was ich mir jetzt mühsam erarbeiten muss, hoffe ich der irgendwann mal nächsten Generation spielerischer und unbewusster beibringen zu können, damit sie es einmal nicht so schwer haben wird. Wie eine weitere Muttersprache soll auch die Sprache des Herzens, ununterbrochene Selbstreflexion und Empathie ohne Grenzen ihren Eingang finden in das Bewusstsein und auch Unterbewusstsein meiner Kinder. Aus mir spricht die Vision den Menschen ihre Menschlichkeit wieder näherzubringen. In der Theorie ist sie längst angekommen, wenn Schulz von Thun kritisiert: Der Sachaspekt, das heißt die faktische Kommunikation (reine Informationen), dominiert Schul- und Arbeitswesen. „(…) Menschliche Angelegenheiten sind als ‚unsachlich‘ verpönt.“ (S.16) So ist es und es ist eine Schande.

Welche Konsequenz ziehe ich also? Ich bleibe am Ball und hoffe, dass ihr alle dabei seid, damit der Mensch wieder mehr sein darf als Verstand und Produktivität. Das ist er nämlich. Die Unterdrückung dieser Tatsache macht Einzelne schon lange krank und irgendwann uns alle.

Wie meine liebste Frau Mutter sagen würde: „Ich heule, wenn ich heulen muss und ich lache, wenn ich lachen muss. Wer will mir das verbieten?“

In aller Liebe

Eure Cali